… mit dieser Aufforderung auf einem Aushang hatte der brilliante Schriftsteller und Philosoph die Bücherberge, die er verschenken wollte, versehen. In der Universität lagen sie auf Tischen gestapelt zum kostenlos Mitnehmen. Und schon in kurzer Zeit waren die Bücher in den Händen dankbarer Interessenten. Vorher hatte Ecco es schwer mit dem Bücherverschenken, Krankenhäuser und Gefängnisse hatten Bedenken, der Lesestoff könnte unpassend auf die Menschen in ihrer Institution wirken.

Auf die Frage der Schriftstellerin und Journalistin Felicitas von Lovenberg welches Buch er „mit ins Grab“ nehmen würde, meinte Umberto Ecco:
„Sagen wir lieber: auf eine einsame Insel. Das Telefonbuch – all die Namen, die mir Geschichten einflüstern würden …

Aber Telefonbücher sind doch mit die ersten, die vom Internet überflüssig gemacht werden.
„Das ist doch der Grund, eines einzupacken: Es ist die Inkunabel der Zukunft!“

Der grosse Büchersammler Umberto Ecco starb vor zwei Jahren am 19. Februar 2016 im Alter von 86 Jahren.
Felicitas von Lovenberg „Sind Sie der ideale Leser, Signore Eco?“ – Frankfurter Allgemeine Zeitung 11.12.2010

In einem Interview zum Erscheinen ihres neuen Romans „Leere Herzen“ (Luchterhand-Literaturverlag) hat Christiane von Korff die Erfolgsautorin gefragt:
In einem Essay haben Sie geschrieben, dass es Ihnen peinlich sei, gelesen zu werden: „Ich empfinde dabei vermutlich die gleiche Scham vor fremden Blicken wie andere beim Sex.“

Juli Zeh: „Das geht mir nach wie vor so. Der Sprung zwischen Schreiben und Veröffentlichen ist für mich ein wahnsinnig grosser. Eigentlich schreibe ich nur für mich.“

Andere Autoren freuen sich, wenn sie möglichst viele Leser haben. Sie nicht?

Juli Zeh: „Doch. Aber gleichzeitig habe ich Angst davor. Es sind persönliche, intime Angelegenheiten, die ich formuliere. Es ist als ziehe man sich aus und stehe nackt da.“
Christiane von Korff „Ich stehe unter Schock“ – annabelle 18/17

„Ich habe die Frage vielen Schriftstellern gestellt: Wie ist es, in einen neuen Roman hineinzugehen? Fast alle gaben mir diese Antwort:
In die Geschichte hineingehen ist ins Dunkle gehen. Jemand sagte: Wie in einen dunklen Raum voller Möbel, den du einrichten musst, bevor das Licht hineinfällt. Das Thema setzt sich fort bis zum Gang in die Unterwelt. Der Schriftsteller Carlo Ginzburg spricht über die schamanische Reise. Du gehst vom Hier zum Dort, vom Jetzt zum Dann. Angst ist Teil dieser Reise. Ohne sie hätte man vielleicht gar nicht die Energie dazu, den Antrieb.“

Eine ganze Seite hat die Frankfurter Allgemeine Zeitung dem Beruf des Lokalreporters bei der Osnabrücker Zeitung, Werner Hülsmann, gewidmet. Und Jan Grossmann hat einen Bericht darüber geschrieben – für alle, die sich für den Journalismus interessieren. Hier die 1. Passage von insgesamt 14:

„Ein Reporter ist etwas Besonderes. Er geht raus in die Welt, um anderen davon zu erzählen.
Der Reporter will nichts beweisen, niemanden überzeugen, er will etwas erfahren.
Der Reporter ist nicht Partei, sondern wie ein Vogel, der über die Welt fliegt und sie überblickt – und wie ein Frosch, der von ganz unten schaut. Er erzählt den Falken und Adlern oben dann die Geschichten von unten – und den Würmern und Hunden unten vom Fliegen. Er erzählt den Rechten von den Linken und den Bunten von den Schwarzweißen.
Der Reporter ist nicht an Macht interessiert, sondern an echten Geschichten, am Erzählen, am Mitteilen, am Gespräch.
Der Reporter ist etwas anderes als die vielen Schreiber, die wir alle sind. Er postet nicht, er teilt nicht s i c h mit, sondern seine Wahrnehmung von der Welt – das, was er sieht und bezeugen kann.
Reporter sind vom Aussterben bedroht.
Die Verlage müssen sparen.
Es ist günstiger, Texte aus Informationen zu formen.
Man kann sie aus dem Netz saugen, sie mit etwas Polemik oder Meinung anreichern.
Es ist aufwendiger, rauszufliegen und das Leben dort, wo es ist, zu beobachten.“

Jan Grossarth: Der letzte Reporter – Frankfurter Allgemeine Zeitung 29.9.2017

(…) Man muss rausgehen. Für einen Journalisten ist das absolute Pflicht. Sobald man rausgeht und eine Geschichte macht, fühlt man sich als Reporter gut, selbst beim Rudelsingen. Nur dann behält man eine frische Sicht. Nur dann kommt man auf Ideen, man ist anders dabei. Man erfährt was. Man kann sich der Welt nicht nur aus dem Internet nähern.“
Jan Grossarth „Der letzte Reporter“ – Frankfurter Allgemeine Zeitung 29.9.2017

hat die amerikanische Essayistin und Schriftstellerin am 13.10.2003 in ihrer Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels zusammengefaßt:

„Literatur kann uns sagen, wie die Welt beschaffen ist.
Literatur kann uns Maßstäbe geben, kann uns ein tiefes Wissen vermitteln, das in der Sprache und im Erzählen Gestalt annimmt.
Literatur kann unsere Fähigkeit stärken, um Menschen zu weinen, die nicht wir selbst sind und nicht zu uns gehören.
Wer wären wir, wenn wir kein Mitgefühl für jene aufbringen könnten, die nicht wir selbst sind und die nicht zu uns gehören? Wer wären wir, wenn wir uns selbst nicht – wenigstens zeitweise – vergessen könnten? Wer wären wir, wenn wir nicht lernen könnten. Wenn wir nicht verzeihen könnten? Wenn wir nicht etwas anderes werden könnten, als wir sind?“
(…) Zugang zur Literatur, zur Weltliteratur bedeutet: dem Gefängnis der nationalen Eitelkeit, der Spießbürgerlichkeit, dem zwanghaften Provinzialismus, dem stupiden Schulunterricht, der Unvollkommenheit des Schicksals, dem Unglück zu entkommen. Literatur war der Pass, der Zutritt in ein reicheres Leben, in die Sphäre der Freiheit gewährte.“

Der Underground-Star der Band „Leningrad“ ist im vorigen Jahr auch auf Deutschland Tournee gewesen. Oliver Maria Schmitt hat die Gelegenheit genutzt und mit „Schnur“ gesprochen:

Sie sind berühmt für ihre humorvollen und provokativen Songtexte. In Ihrem neuesten Lied „Der Kandidat“ heißt es, Wodka und Schmiergeld hielten Russland zusammen. Nachdem Bob Dyland den Literaturnobelpreis erhalten hat, rechnen Sie sich da auch irgendwann Chancen aus?

„Interessiert mich nicht. Soweit ich weiß, ist der Preis nur mit knapp einer Million Dollar notiert. In den Neunzigern hätte ich das bestimmt interessiert, aber heute nicht mehr. Dylan ist ja auch nicht hingefahren. Außerdem sind meine Texte im „Russischen Mat“ geschrieben …

… einer obszönen Umgangssprache, die offiziell geächtet ist, die aber jeder Russe versteht, und die fast alle nutzen, besonders diejenigen, die sie verbieten …

… und die wäre in Literaturkreisen kaum tragbar. Die würden nur meckern: „Der kann ja nicht mal richtig Russisch“ – und sie hätten recht. Mir ist nur wichtig, dass mich alle verstehen. In unserem Land gibt es in praktisch jeder Familie einen, der entweder im Gefängnis oder in der Armee war, was aufs Gleiche hinausläuft. Daher verstehen alle meine Songtexte, der Prolet ebenso wie der Akademiker oder Parteibonze. Der „Mat“ ist ein fester Bestandteil unserer Muttersprache, auch wenn er in den Medien gesetzlich verboten ist und wir immer wieder Auftrittsverbot deswegen bekommen. Es gibt eine interessante Theorie, warum die russische Gegenoffensive gegen die Deutschen damals nicht richtig in Gang kam: Erst haben die Offiziere die Befehle auf Hochrussisch erteilt, da ging alles sehr schleppend. Als sie aber auf „Mat“ gebrüllt haben, konnte man die Faschisten zurückjagen.“
Oliver Maria Schmitt „Bei uns sitzen die echten Punks in der Staatsduma“ – Frankfurter Allemeine Zeitung 24.10.2017

„Ich habe viel Rotwein getrunken. Aber die Sache ist die: Wenn Sie einen Roman schreiben, brauchen Sie Ihr Gedächtnis. Sie müssen sich die Frage beantworten können: Wie lange ist es her; dass ich Ketchums linke Hand zuletzt erwähnt habe. 200 Seiten? 400 Seiten? Sie verlieren viel Zeit, wenn Sie Ihr ganzes Buch noch einmal lesen müssen, um festzustellen, dass es auf Seite 140 war. Vor ungefähr sechs Jahren fand ich heraus, dass ich, wenn ich bei Bier bleibe, nichts vergesse. Ich gehe mit dem Gedanken an den letzten geschriebenen Satz ins Bett, und wenn ich aufwache, denke ich an den nächsten.“
Harriet Köhler „John Irving“ Der Schriftsteller nimmt Ergenzinger Ochsenbräu – und keine weiteren Kohlehydrate“ Die Welt 19.2.2011

„Ich bin eine reifere Person, wenn ich schreibe. Ich führe ständig Tagebücher, aber nicht, um sie zu veröffentlichen. Ein Tagebuch zu führen, ist ein guter Weg, um über sich selbst nachzudenken. … Was tue ich? Was ist Liebe? Was ist Freundschaft? Was ist Familie? (…) Schreiben heißt nicht nur, den Dingen den Spiegel vorzuhalten und Probleme aufzuzeigen, sondern auch, sich selbst zu entdecken. Vielleicht ist es auch ein Angewohnheit, ein Tick. Das spielt alles mit hinein. Ich erfinde ganze Welten, ich habe Romane mit vierzig Figuren geschrieben. Und in jeder steckt etwas von mir – selbst in den schrecklichsten Charakteren.“
Carmen Eller „In jeder Figur steckt etwas von mir“ – Neue Zürcher Zeitung 30.11.2017

„Der Poet ist der Musiker unter den Schriftstellern. Er ist der, dem die Geheimnisse des Gefühls kostbarer sind als die Wahrheiten des Verstandes. Gedichte sind keine zu lösenden Rätsel. „Mit jedem Tag, lesen wir bei Marcel Proust, „messe ich dem Verstand weniger Bedeutung zu. Mit jedem Tag wird mir bewusster, dass der Schriftsteller nur außerhalb von sich Eindrücke erfassen, das heißt zu sich selbst gelangen kann und damit zu dem einzigen Stoff der Kunst.“
aus der Dankesrede von Wolf Wondratschek, erster Preisträger des „Alternativen Büchner-Literaturpreis“, den der Investor Helmut Maier ausgelobt hatte, „als klar war, dass sein Favorit (W.W.) den Preis für Sprache und Dichtung wieder nicht erhalten würde“.

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