„Schreiben Sie nach wie vor mehre Fassungen ein und desselben Romans?

„Die erste Fassung, bei der ich mich nur um die Geschichte und Zeitabläufe kümmere, geht ziemlich schnell. Dann ändere ich den Ton. Und kein Satz der ersten Fassung überlebt bis zum Schluss. Ab der fünften Version gebe ich meiner Schwester den Text zum Gegenlesen. Beim letzten Durchgang (manchmal ist es der zehnte), der wie beim Kochen minutiös durchgesiebt wird, setzen wir uns acht bis neun Stunden lang zusammen, legen jede Redewendung auf die Waagschale und verhandeln Seite um Seite über jedes Wort.“
aus: Interview des Limes Verlags

Der argentinische Schriftsteller hat neben seiner überlebensnotwenigen Tätigkeit als Übersetzer achtzig Bücher geschrieben. Martina Läubli stellt in ihrem Interview die naheliegende Frage:

Wie kommen Sie auf diese (Roman)Ideen?

„… Woher kommt eine Idee? Ich weiss nie, wie und wann es kommt, aber irgendetwas taucht immer auf. Aus dem Nichts, aus dem blauen Himmel. Eine Inspirationsquelle sind natürlich die Bücher, die ich lese. Es geht aber nicht darum, etwas zu kopieren oder zu plagiieren. Vielmehr lassen Bücher den Geist arbeiten, und plötzlich kommen Ideen.“
aus: „Politik bringt niemandem etwas“ Interview von Martina Läubli, Neue Zürcher Zeitung 31.12.2016

Einmalig ist der Postkarten-Lyrikkalender „Fliegende Wörter“ aus dem Daedalus Verlag mit seinen so wunderbar vielfältigen Gedichtstimmungen von namhaften und immer wieder neuen, aber auch weniger bekannten Schöpfern: Seit 23 Jahren erfreut und überrascht dieser Kalender die Lyrikliebhaber, für die er seine originellen, feinsinnigen, hintergründigen, witzigen fliegenden Wortgebilde jährlich einfängt und dazu den treffenden farblichen Hintergrund, die passende Schrift und die originelle Gestaltung findet. Wer selber schreibt, der folgt dem geschriebenen Bild des Drei-Zeilen-Poems „Dichtung“ von José Emilio Pacheco: „Gegen die finstere Nacht / ein brennender Lampenschirm / und eine weiße Seite“. Oder den beiden Endzeilen aus Elisabeth Borchers Gedicht „Nerudas Blau“: „Und das Blau erfand ein paar Maler / und dann und wann einen Dichter dazu“. Wenn Thomas Brasch in „Der schöne 27. September“ aufzählt, was er an diesem Tag alles nicht getan hat und resümiert „Ich habe keine Zeile geschrieben / Ich habe keinen Stein ins Rollen gebracht“ wird aus dem beklagten ein geradezu tröstlicher Zustand.
Und welcher Autor könnte nicht Heiner Müllers „Selbstkritik“ nachfühlen: „Meine Herausgeber wühlen in alten Texten / Manchmal wenn ich sie lese überläuft es mich kalt. Das / Habe ich geschrieben …“.
Ein besonders malerisches Gedicht zum Versenden oder Behalten gibt es im April von H.C. Artmann: „in die tiefe seines bauches / nach wörteralgen taucht der dichter / am weißen strand des papieres / spreitet er sie zum trocknen aus:“
Dank an die Herausgeber der 53 „Qualitätsgedichte zum Verschreiben und Verbleiben“ Andrea Grewe, Hiltrud Herbst und Doris Mendlewitsch für ihren diesjährigen Postkarten Lyrikkalender 2017 – zu bestellen bei www.daedalus-verlag.de

Mit 50 hat sie ihren ersten Roman geschrieben: ‚Das Nest‘ wurde gleich zum Weltbestseller. Manfred Papst beschreibt die Entwicklung der Schriftstellerin mit dem ungewöhnlichen Namen: „Mächtig Zoff in der heilen Familie“ Neue Zürcher 13. Nov. 2016
„…Meine Dozenten fanden, ich hätte einen ausgeprägten Sinn für die Struktur fiktiver Texte. Ich glaube, der kam ganz einfach vom Lesen.“
„In der Literatur braucht es die Bösen. Würden Sie einen Roman über lauter nette Leute lesen wollen, die Tag und Nacht nur Gutes tun?“
„… wer seine Figuren verachtet sollte keinen Roman schreiben.“

„Ich hatte gewisse feste Vorstellungen, als ich mit meinem Roman begann, aber keinen fertigen Plan wie ein Architekt. Ich kannte meine Figuren und einige ihrer Geschichten. Aber bis ich etwas über die Mitte hinaus war, wusste ich noch nicht, wohin das Ganze führen sollte.“
„Ich habe vieles umgestellt, umgeschrieben, neu arrangiert. Als ich mit dem ersten Entwurf fertig war, zeigte ich ihn ein paar Leuten, denen ich vertraute. Mein Lehrer am Bennington College in Vermont fand die erste Konstruktion missglückt. Deshalb ordnete ich alles wieder neu an. Mit Zetteln an der Wand, wie ein Ermittler im TV-Krimi.“
„Ich habe nichts leichtfertig behauptet. Natürlich ist mein Roman ein fiktives Werk. Aber er ist geerdet durch Fakten, die ich nach besten Wissen und Gewissen recherchiert habe. Das hat übrigens Spass gemacht. Es ist keinesfalls nur Mühe.“
„Ich höre die Stimmen meiner Figuren sehr klar, aber ihr Aussehen kümmert mich weniger. Die entsprechenden Schilderungen habe ich überhaupt erst auf die Bitte des Lektorats eingefügt. Deshalb habe ich auch keine fixe Vorstellung davon, wie die Rollen im Film besetzt werden sollen.“

Wie gut sind Sie im Vergessen?

„Ich glaube, es ist unmöglich, aktiv zu vergessen oder zu verdrängen. Keiner von uns hat die Kontrolle über seine Erinnerungen. Es ist eher andersherum: Die Erinnerungen kontrollieren uns. Der Grund für kreatives Schaffen ist die Rebellion dagegen.“

Auch „gegen das Alltägliche“?

„Ja, denn jeder Alltag ist doch in der Regel profan, unfrei, langweilig. Im Vergleich zu all dem, was da auch noch sein könnte. Um sich das aber vorzustellen, brauchen Sie Imaginationen, ja Illusionen. Sie müssen sich der Tatsache bewusst sein, dass das Leben viel mehr zu bieten hat als den Alltag. Als 80jähriger Schriftsteller weiss ich: Die Abenteuer, die Sie imaginieren, sind stets spannender als die, die Sie tatsächlich erleben …“
aus dem Interview, das Michael Wiederstein mit Vargas Llosa führte „Europa fehlt der Hunger auf Neues“ am 7.7.2016 in der Neuen Zürcher Zeitung

Schriftsteller, ich höre zu und beobachte. Ich bin ein Schwamm, was ich persönlich denke, ist irrelevant.“
Neue Zürcher am Sonntag 3.7.2016 – Gerhard Mack: „Bluttest für die Kunst“

„… Liedermacher, Singer-Songwriter … das sind Sprachmagier, die im Zeilensprung Epochen klammern, Räume besetzen. Zum Beispiel Städte, über die sie ihre Flügel ausbreiten … Städtebesingen ist keine Kleinigkeit, es will gekonnt sein, und Biermann beherrschte sein Metier. Nicht umsonst hat man ihn zum Ehrenbürger Berlins ernannt. In einer seiner frühen Balladen von 1962, ein Jahr nach dem Mauerbau, besingt er die frisch geteilte Stadt ‚Berlin, du deutsche deutsche Frau‘ ist ein Lied, das in keiner Lyrik-Anthologie zum Thema Berlin fehlen darf.“
Eine andere beliebte Unterhaltungsform, die mit zur Familie der Songs gehört, kennzeichnet er so:
„Der Schlager ist die Schwundstufe der Ballade, ein abgesunkenes Kulturgut, das an die Methoden der Klassiker anknüpft und erinnerungstechnisch perfekt funktioniert. Ein Gedicht – sagen die einen, zum Ohrwurm erst wird es als Lied, das einer vorträgt (mit Klampfe oder Mundharmonika).“
aus: Frankfurter Anthologie – Beitrag von Durs Grünbein: „Städtebesingen ist keine Kleinigkeit“ – über Wolf Biermanns Lied: Berlin, du deutsche deutsche Frau
Buchtipp: Handbuch für Songtexter

Die besten Short Storys aus dem Wettbewerb zum zwanzigjährigen Jubiläum des Autorenhaus Verlags. Der Anthologieband ist soeben erschienen.
Neben den drei Siegertexten (Stephanie Lay: Philipp, Vanessa Araya: Der Philosoph und der Kimono, Isabella Bach: Der Koi) gibt es 21 weitere geheimnisvolle, erotische, spannende und bewegende Storys. Ein schönes Geschenk für alle, die gerne lesen, träumen und sich anregen lassen möchten:

Andere Liebe. Ein Kopfkissenbuch, Hardcover, 176 Seiten, ISBN 978–3-86671-136-5, 16,99 Euro versandkostenfrei: Andere Liebe. Ein Kopfkissenbuch

Die erfolgreiche Kinderbuchautorin (Konrad, das Kind aus der Konservendose) ist gerade 80 Jahre alt geworden und Tilman Spreckelsen hat mit ihr (auch) über ihren Weg als Schriftstellerin gesprochen. Und sie dabei gefragt, was sie denkt, was ein gutes Kinderbuch ist:
„Heute ist ein Kinderbuch ein gutes Kinderbuch, wenn es viel verkauft wird.“
Und wie sie auf die Themen dazu kommt:
„Ich kann leicht Ideen erzeugen in der Not, wenn der Verleger dreimal anruft, und ich habe ihm vorgemogelt, ich hätte schon sehr nachgedacht, und ich hätte da eine Idee – dabei hatte ich noch gar keine. Dann kommt er angeflogen, und dann sitze ich mit ihm bei einem Glas Wein, dann erfinde ich halt etwas in der Not.“
Und wie es dann ist, wenn es an die Schreibarbeit geht:
„Ich hüte mich vor Rührseligkeit. Es passiert mir auch, dass ich in einer gewissen Schreibeuphorie drei, vier Stunden etwas hinschreibe, was sicher viel emotionaler ist. In dem Moment glaube ich, das ist wahnsinnig gut, und am nächsten Tag streiche ich das gnadenlos zusammen. Aber ich glaube, es kommt immer noch genug Gefühl rüber.“

aus: „Politisch immer mehr so links gewesen“ Gespräch mit Tilman Spreckelsen, Frankfurter Allgemeine Zeitung 13.10.2016

„Ich möchte meinen Lesern ein Stück die Welt erklären. Was ist Literatur? Für mich ist es ein Stück Welt in Sprache umsetzen. Und das möchte ich für Kinder erledigen, dass sich Kinder auf dieser Welt etwas besser auskennen. Erwachsene Frauen oder auch Männer, die als Kinder meine Bücher lasen, sagen mir oft: Ihre Bücher haben mich über die Pubertät gerettet. Oder: Ihre Bücher haben mich getröstet. Das Trösten hat etwas mit besser auskennen zu tun. Zum Beispiel, wenn man liest, das andere Leute als Kind eine Wut auf die eigene Mutter haben. Viele meiner Leser glauben ja, sie stehen damit völlig alleine da.“
aus: Politisch immer mehr so links gewesen“, Gespräch mit Tilman Spreckelsen, Frankfurter Allgemeine Zeitung 13.10.2016
Buchtipp: Handbuch für Kinder- und Jugendbuchautoren

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