Zum Erscheinen seines Romans „Das Geheimnis der verlorenen Zeit“ traf Tilman Urbach den Schriftsteller John Wray zum Gespräch über das Schreiben und die Entstehung des im Rowohlt Verlag erschienen 726 Seiten starken Romans:

„Dieses Buch begann mit einigen Worten auf einer Wand. Ich entdeckte sie in der Nachbarschaft, als ich versuchte, hier in New York als Schriftsteller zu existieren. Ich hauste damals für eineinhalb Jahre im Proberaum einer Band, genau dort, wo sich die Zubringer der Brooklyn und der Manhattan Bridge auf der Brooklyner Seite kreuzen. In der Unterführung stand „The Lost Time Accident“. Dieser Begriff setzte sich in meinem Hirn fest, obwohl er im Englischen keine genaue Bedeutung hat. Es war einfach diese Ansammlung von Wörtern, die in mir sofort etwas zum Klingen brachte. Ab er es bleibt – auch für mich – eine geheimnisvolle Phrase.“
„Kein Schreiber weiss letztlich, was er oder sie da tut im Schreibprozess. Man hat einen generellen Kurs, fügt farbige Bilder zusammen, Komponenten aus dem kleinen Kopf-Labor. Dabei ist es die Sprache selbst, die einen in verschiedene Richtungen führt. Durch ein einziges Wort kann man nicht unbedingt die Botschaft eines Satzes verändern, aber dessen Stimmung lässt sich dadurch radikal wandeln. Eine Story ist niemals nur ein Index von Gedanken, Meinungen und Ideen – es ist ein Versuch, eine emotionale Resonanz zu erzielen. Es sind die Worte und ihr Klang, die assoziativen Clouds, die ein jedes Wort mit sich trägt, die die Emotionen kreieren.“
aus Tilman Urbach „Fiktionales Erzählen ist unglaublich konservativ – Der amerikanische Autor John Wray versucht in seinem neuen Roman die Zwangsjacke abzulegen – Neue Zürcher Zeitung 30.11.2016

Wenn ein Autor von der Statur Colm Toíbíns das Drehbuch schreibt, hat man dann am Set noch die Freiheit zu sagen, ach, das funktioniert nicht so richtig, ein anderer Dialog wäre besser, oder eine ganz andere Szene vielleicht?, fragte FAZ-Redakteurin Verena Lueken den Regisseur im Interview.

„Colm Toíbín war bei den ersten Proben dabei und hat auch gleich korrigiert. Außerdem war es auch nicht so, das Toíbín das Drehbuch geschrieben hätte. Er hat Texte geschrieben, aus denen ich dann ein Drehbuch montiert habe. Er hat keine Skripterfahrung, er denkt auch nicht in dramaturgischen Begriffen. Er hat übrigens nebenbei ein Buch geschrieben, das aber nicht zum Filmstart fertig geworden ist, in dem er unsere Geschichte als Roman erzählt. Er hat mir immer wieder Seiten dieses Manuskripts geschickt. Einmal habe ich gesagt: Das nehme ich als Anfang, das erspart mir eine lange Exposition. Ich hatte immer noch Texte von Toíbín in Reserve. Wenn ich noch Dialog brauchte, habe ich ihm nachts geschrieben und gefragt: Was könnten die jetzt sagen? Und ich hatte auch viele Sätze im Hinterkopf, weil die aus dem realen Leben kommen. Dem Leben abgehörte Sätze.“
aus: Verena Lueken „Kunst verträgt keinen Takt“ Ein Gespräch mit Volker Schlöndorff – Frankfurter Allgemeine Zeitung 9.2.2017

In seinem Beitrag vom 11. Januar 2017 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung beschäftigt sich der Autor R.M. Holm-Hadulla („Der Mythos von Genie und Wahnsinn“) mit der Frage wie Kreativität entsteht und welche Menschen dafür prädestiniert sind:
„Tatsächlich ist die Vorstellung schon sehr alt, dass geniale Leistungen in enthusiastischer Ekstase entstünden. Plato spricht von einer theia mania, einem gottgeschenkten Außer-sich-Sein, das philosophisch, poetisch und auch erotisch inspiriert. …
Bei Theophrast, einem Schüler des Aristoteles, heißt es, dass alle außergewöhnlichen Persönlichkeiten Melancholiker seien. … Mit anderen Worten: Ekstase, Manie und Melancholie bezeichnen zunächst keine pathologischen Zustände, sondern Reizoffenheit und Labilität, die kreative Inspiration begünstigen können. Bei einem Übermaß können sie aber krankhaft werden und schöpferische Möglichkeiten beeinträchtigen.“

„So werden Dichter „poetic writers“, wesentlich häufiger stationär wegen Despressionen behandelt als der Durchschnitt. Dies hängt zum einen damit zusammen, dass sie Grenzbereiche der menschlichen Existenz ausloten. Dabei müssen sie lange einsam und oft sozial verunsichert arbeiten. Wenn sie Anerkennung finden und wohlhabend werden, sinkt das Suizidrisiko.“

so geschrieben, dass es klingt, als spräche man von anderen, wenn man von sich spricht, und als spräche man von sich, wenn man von anderen spricht. Der formale Rahmen muss den Leser verwirren, so dass er nicht weiss, wo das Autobiografische oder das Faktische aufhört und die Fiktion anfängt. Das ist die Stärke des Romans, etwa von „Das Museum der Unschuld“(Fischer 2010).

Wie schwer ist es, als Autor in einen völlig anderen Menschen hineinzuschlüpfen?

Es ist Spiel und harte Arbeit zugleich. Das heisst, die meiste Zeit fühle ich mich wie ein spielendes Kind, obwohl ich sehr diszipliniert schreibe und vorab exakte Pläne und Übersichten erstelle. Ich bin besessener Poet und dabei knallharter Rechner.

(…) Als Autor verwandelst du dich, wirst die Person, der du eine Stimme verleihst. Du musst sie respektieren, darfst sie nicht denunzieren, egal, was sie getan hat; und du darfst sie nicht verfälschen. Meine wichtigste Frage an meine beiden Erstleserinnen – meine Tochter und meine Freundin – lautet jeweils: Klingt das echt? Hat diese Person genau dieses Vokabular, passt alles? Oder klingt das nach Fake? Das wäre das Schlimmste. Meine Maxime heisst: „Verstehen, verstehen, verstehen.“
Alexander Kedves: „Romane mit Lösungen lese ich grundsächlich nicht“ – Sonntagszeitung 29.3.2015

„Dass Künstler sich anfeuern mit Wirkstoffen, mit Alkohol, mit Absinth, mit Koks, mit Opium, das ist ja völlig normal. Es gehört zur Natur des Künstlers, dass er sich in Grenzbereiche des Lebens, des Erlebens, der Wahrnehmung begibt. Ich hab damit ordentlich Erfahrung gemacht. Natürlich ist das nicht Pflicht für jedermann, ne? Wenn man das mit Yoga erreicht oder sonst irgendwie schon auf einem Naturhigh ist, warum nicht? Heute mach ich das nur noch ganz gezielt, nicht mehr so rund um die Uhr. Und das bekommt mir gut.“
Andreas Schräder „Wir knabberten an Matratzen“ – Sonntagszeitung.ch 8.5.2016

2016 ist Udo Lindenberg 70 geworden. Ein Anlass für ein Interview mit dem ältesten deutschen Super-Rockstar („Der Greis ist immer noch heiss“). Wie alle Singer-Songwriter ist er ständig auf der Suche nach neuem Textmaterial: „Man muss sehen, dass man an Informationen rankommt.“

Denn die sind Brot und Fleisch für seine Songs: „Jo, ich schnack mit jedem. Darum leb ich ja auch seit Jahren im Hotel. Weil das so schön ist, wenn man all diesen Leuten begegnet.“

Wo er sonst noch fündig wird?
„Ich hab immer mit der Strasse korrespondiert. In den Kneipen auf Bierdeckel gekritzelt. Sprüche gesammelt.“

So erreicht er sein Ziel, mit seinen Songs zu aktuellen Themen und für alle:

… „Ich will einfach, dass jeder meine Texte schnallt – egal, ob Kind oder heisser Greis. Um das zu erreichen, hat der Hotelpage bei mir das gleiche Stimmrecht wie der Produzent im Studio. Kann sein, dass das Ganze ein bisschen länger dauert auf diese Weise, ne? Das ist aber okay so. Wichtig ist, dass am Schluss auch jedem Zwölfjährigen die Lampen angehen und der sich sagt: „Das ist ja mal interessant!“
Adrian Schräder „Wir knabberten an Matratzen“ – Sonntagszeitung.ch 8.5.2016

Zwei Jahre verbrachte der Autor mit den Vorbereitungen zu seinem Roman Kanada, zwei Jahre schrieb er daran und ein Jahr kostete ihn das Lektorat, schreibt Verena Luken über die Entstehung: „Wenn Ford vom Lektorieren spricht, heißt das zunächst einmal: vorlesen. So macht Ford das mit jedem Buch.

„Kristina (seine Frau) saß da, wo Sie jetzt sitzen. Es ist ein großes Privileg, dass sie das mitmacht, aber es war eine schmerzhafte Erfahrung. Ich entdecke beim Vorlesen Fehler. Täglich. Manchmal stündlich. Manchmal alle zehn Minuten. Fehler, die ich beseitigen muss. Manchmal weiss ich nicht, wie es geht. Manchmal geht es gar nicht. (…) Manchmal schlage ich mit der Faust durch ein Klemmbrett, manchmal zerschlage ich eines auf meinem Kopf. Ich werde sehr wütend. Ich kann Gefühle nicht gut zurückhalten … Ich lasse alles raus. Dafür sind Bücher ja auch da. Natürlich nur, wenn auch andere etwas davon haben.“
aus: Verena Lueken „Über Morde sprechen wir später“ – Frankfurter Allgemeine Zeitung 28.7.2012

Florian Kessler hat den Schriftsteller anlässlich der Veröffentlichung seines Romans „Über den Winter“ (Hanser Verlag) interviewt und gefragt:

Ist es schwere Arbeit, so leicht und schön einen Roman wie diesen zu schreiben?

„Ich strenge mich tatsächlich ungeheuer an, einen Ton zu finden, der stimmt und der beim Lesen eine gewisse Schönheit aufscheinen lässt. An einzelnen Sätzen feile ich oft eine gefühlte Ewigkeit, lese sie laut vor und verändere die Satzstellung, tausche Wörter aus und kürze oder füge hinzu bis die Melodie so klingt, wie ich mir das vorstelle. Eine Heidenarbeit und oft Auslöser für die Frage: Was mache ich hier eigentlich und warum bin ich nicht Förster geworden und streife jetzt durch den Wald.“

Der Autor erhielt den Joseph-Breitbach-Preis für seine dreibändige Kafka-Biographie. Reiner Stach macht sich in seiner Dankesrede Gedanken über die unterschiedlichen Ansprüche an die Arbeit eines Biografen:

„Einige Rezensenten … verlangen, eine anständige Biografie sollte so gut (sprich unterhaltsam) wie möglich geschrieben sein.

Andere Kritiker hingegen fordern, ein Biograph müsse mit neuen Erkenntnissen kommen oder es lieber gleich sein lassen.

Wieder andere sagen, der Biograph solle vor allem redlich sein, also objektiv, dann sei es schon in Ordnung.

Und eine vierte Gruppe von Kritikern, die gefährlichste, versichert uns, dass Redlichkeit und erzählerische Brillanz einander eigentlich ausschließen. Denn das romanhafte biographische Erzählen wecke in uns doch nur das Gefühl, wir oder doch wenigstens der Biograph, seien „hautnah dabei“, was auf eine Illusion hinauslaufe, bisweilen sogar auf bewusste Täuschung.“

Der Schriftsteller Reiner Stach ist davon überzeugt, „dass die Biographie – sofern wir unsere Skepsis wachhalten – noch immer ein enormes, nicht ausgeschöpftes Potential birgt, sowohl literarisch als auch mit Blick auf ein tieferes Verständnis menschlicher Kreativität.“
aus der Dankesrede von Reiner Stach anlässlich seiner Ehrung mit dem Joseph-Breitbach-Preis 2016

„Was den Schriftsteller betrifft, so ist er, indem er seine eigenen fiktionalen Welten schafft, immer auch ein Heimatbauer. In seinen Büchern geniesst er Wohnrecht, stellt dieses Recht aber auch seinen Lesern zur Verfügung. Und wird er in verschiedene Sprachen übersetzt, geniesst er gleich mehrfaches Heimatrecht. Ist es nicht wunderbar, wenn eine auf Arabisch schreibende syrische Autorin in ihrer deutschen Leserschaft Wahlverwandte entdeckt und Resonanz erfährt?“
aus: Ilma Rakusa: Wir machen Heimat – Warum ich an vielen Orten zu Hause bin und dies als Bereicherung empfinde, Neue Zürcher Zeitung 13.12.2016

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