Die polnische Dichterin und Nobelpreisträgerin hat mit ihrem Gedicht ‘Grabstein’ mehr als vierzig Jahre vor ihrem Tod den eigenen Nachruf vorausgeschrieben – da war sie nicht einmal vierzig Jahre alt. Am 1. Februar 2012 starb sie im Aler von 88 Jahren, ihre Poesie wird leben.

Grabstein

Hier ruht, altmodisch wie das Komma, eine
Verfasserin von ein paar Versen. Die Gebeine
genießen Frieden in den ewigen Gärten,
obwohl sie keiner Literatengruppe angehörten.
Drum schmückt nichts Bessres ihre Totenstätte
als dieser Reim, die Eule und die Klette,
Passant, hol den Computer aus dem Aktenfach
und denk über Szymborskas Los ein wenig nach.

Übersetzung von Karl Dedecius
aus: Wislawa Szymborska: ‘Deshalb leben wir’, Bibliothek Suhrkamp

http://www.polen.pl/grabstein-wislawa-szymborska-gestorben/

“Es hat mit Rhythmen zu tun, es ist wie tanzen – was ich nicht kann. Es ist viel mehr, als irgendwem zu erzählen, wie die Welt ist, oder Menschen zu beschreiben, die ich gesehen habe. Es ist primitiver als das. Es ist der Wunsch, Sätze zu bilden, wie ein Töpfer Ton arbeitet.”
aus einem Interview, das Marion Löhndorf mit der Schriftstellerin führte

und den Drehbuchautor Peter Straughan hat der Schriftsteller John le Carré für den Film mit dem deutschen Titel ‘König Dame As Spion’ nach seinem Roman ‘Tinker Tailor Soldier Spy’ gegeben. Großzügig stellte er eine einzige Bedingung:

“Verfilmen Sie nicht den Roman. Den gibt es schon. Machen Sie etwas Eigenes. Ansonsten werde ich Sie nicht stören.”

“Sobald ich genügend Informationen für die Story bieinander habe, setze ich mich an den Laptop, mache mich ans Schreiben und trinke dazu viel Grüntee. Eine disziplinierte Regelmäßigkeit hilft mir, den roten Faden nicht zu verlieren. Mehrere Monate lang arbeite ich von Montag bis Sonntag, bis die Erstfassung steht. Dann lasse ich das Manuskript einige Wochen ruhen, um es danach mit der nötigen Gnadenlosigkeit zu überarbeiten. Nach zwei bis drei Korrekturdurchgängen, die in erster Linie aus Straffen und Verdichten bestehen, schicke ich den Text meiner Lektorin. Zu ihrem Leidwesen habe ich eine Affinität zu Adjektiven. Immer wieder muss sie mich überzeugen, dass vielsilbige, blumige Begriffe das Lesetempo hemmen, womit sie natürlich Recht hat. Das Streichen schmerzt trotzdem.”
Mitra Devi hat die Züricher Detektivin Nora Tabani für ihre Krimiserie kreiert, zuletzt erschien 2011 ‘Das Kainszeichen’.

“Die Kindheit ist, wie wir alle wissen, der Getreidespeicher, von dem ein Schriftsteller, wenn er erwachsen ist, sein Brot bäckt. Von dem Tag an, an dem ein Schriftsteller aufhört, dem Kind in sich zuzuhören, gehört er dem Feind.”
aus: ‘Goethe ginge heute auf die Barrikaden’, FAZ 29.8.2011

Im Interview mit Angela Schader in der Neuen Züricher Zeitung: “Die Sorge, das eigene Werk zu verraten” äußert sich der Schriftsteller über seine Einstellung zu früheren seiner Bücher:

“Es fällt mir schwer, mich in die spezifische Stimmung zurückzuversetzen, in der ich meine früheren Bücher geschrieben habe. Wenn ich diese Texte wieder ansehe (was ich nur selten und dann aus spezifischen Gründen tue), kann ich manchmal Bewunderung für den sprachlichen Stil fühlen, aber ich empfinde sie als Bücher, die ich – so wie ich jetzt, in der Gegenwart bin, keinesfalls schreiben könnte. Sie haben mich hinter sich zurückgelassen, oder ich habe sie hinter mir zurückgelassen. Deshalb zögere ich auch, sie in der Öffentlichkeit zu interpretieren, denn ich fürchte, sie zu verraten.”

“Ein Wort ist immer auch Passwort und eine gute Erzählung immer auch Geleitbrief. Sprache ist Übergang. Der Aufenthaltsort des Schriftstellers ist der Bereich zwischen Welt und Wort. Man steht in der Öffnung und richtet sich in der Offenheit ein – wie Philipp Erlach, der Protagonist in ‘Es geht uns gut’, dessen Lieblingsplatz die Schwelle des geerbten Hauses ist, nicht draußen, aber auch nicht drinnen. Ob als Mensch im Allgemeinen oder als Schriftsteller im Speziellen: man kommt nie ganz hinein (ins Leben), nie ganz durch (im Leben) und findet sich ständig seiner Grenzen belehrt. Doch wenn wir auch wissen, dass auf den Tag die Nacht folgt und auf den Sommer der Herbst, dass der Menschen Tage wie Gras sind und wir sterben müsen und dass selbst die Sterne verglühen. Wir versuchen trotzdem, hinüberzukommen, hineinzukommen, als Schreibende, als Reisende: in die Erkenntnis des Unbekannten.”
aus seiner Dankesrede zur Verleihung des Literaturpreises der deutschen Konrad-Adenauer-Stiftung 2011
von Arno Geiger erschien 2011 im Hanser Verlag ‘Der alte König in seinem Exil’

“Bis der erste Satz sitzt, ist es oft ein langer Weg. Ich erinnere mich an viele solche Momente. Den ganzen Vormittag hatte ich nicht eine Idee für den ersten Satz, dafür wanderte ich alle paar Minuten vom Arbeitszimmer in die Küche und warf jedes Mal ein paar Trauben in den Mund. Erst am Nachmittag fiel mir auf, dass alle Trau- bendolden ihre Früchte los waren. Die Bauchkrämpfe zwangen mich zu einem Spaziergang auf den Goldberg, von wo aus ich einen schönen Vogelblick auf die Stadt Winterthur habe, die in fünf Tälern liegt. Meinen ursprünglich gedachten Text konnte ich an dem Tag nicht schreiben, auch nicht eine Geschichte über zu viel Traubenessen. Dafür konnte ich die Atmosphäre dieses Tages beobachten, die eine Quelle der Inspiration war. Irgendwann gelang es mir dann doch, den ersten Satz zu finden.”
Ob dem kurdischen Autor dies bei seinem Buch “Hochzeitsflug” (Limmat) so geschehen ist?

“Es ist gefährlich, weil man Menschen ständig beobachtet, um zu sehen, wie sie sich verhalten. Man studiert Menschen, ohne dass sie es bemerken. Und mit Kindern ist es so, wie im ‘Buch der Kinder’: Jemand, der schreibt, schliesst sich allein in einem Raum ein und redet nicht mit seinen Kindern oder liest ihnen vor. Natürlich versucht man beides, aber man führt auch so eine Art geheime Existenz und fühlt sich etwas unehrlich – obwohl ich nicht weiss, warum. Man hat das Gefühl, zwei Personen zu sein, aber die Leute kennen nur eine davon. Romane sind ein gefährliches Unternehmen.”

(…) “Ich hatte einen Freund in Cambridge, der mir in einem Gespräch über D.H. Lawrence sagte: “Schreiben ist eine Form der Machtausübung.” Beim Schreiben lässt sich das Muster der Welt nach eigenem Belieben neu ordnen. Ich habe mich sehr bemüht, keine wirklichen Menschen in meine Romane einzuarbeiten, ich mische gern verschiedene Leute.”
aus: “Ich denke mit den Fingern”, einem Interview, das Marion Löhndorf mit der Schriftstellerin anlässlich der deutschen Ausgabe ihres neuesten Romans “Das Buch der Kinder” führte.

Angela Schader fragt den studierten Mathematiker, Schriftsteller und Maler Mahin Binebine aus Marokko danach, was ein Roman mit Mathematik zu tun hat und erhält die Antwort:
“… was macht man in der Mathematik? Man beginnt bei Punkt A, kommt bei Punkt B an, und der Weg dazwischen entwickelt sich in einem durch gewisse Bedingungen eingeschränkten Raum. Ein Roman ist genau das. Zudem strukturiert die Mathematik das Denken, gibt eine klare Sicht, man weiss, wohin man geht – viele Mathematiker sind eigentlich Dichter.”, sagt der Schriftsteller, der schon als Junge davon träumte “ein Sänger und Herzensbrecher wie Abdel Halim Hafez” zu werden.
aus: “Ich bin in einem Topf roter Farbe geboren” NZZ 2.12.2011

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