„… In dem Moment, in dem es dir leichtfällt, einen Roman zu schreiben, bist du als Romanautor wahrscheinlich auch am Ende. Es gibt Wunder, natürlich, „Die Brüder Karamasow“ zum Beispiel, als Dostojewski dachte, er hätte nichts mehr zu sagen, und dann kam ihm der Gedanke, und er schrieb einen der großartigsten Romane der Weltliteratur. Kurz darauf ist er gestorben. Das sind die wundersamen Dinge, die manchmal geschehen in der Literatur. Aber es gibt genügend anderes, das ich tun kann, als mich mit einer Romanidee zu beschäftigen, die nicht trägt. Da kümmere ich mich lieber um Vögel.“
Sandra Kegel: „In zehn Jahren twittern nur noch Arme und Verrückte“, Frankfurter Allgemeine Zeitung 18.11.2017

War das Tagebuchschreiben (Wer’s findet, darf’s behalten) so etwas wie eine Therapie, wie ein Training, um Autor zu werden? fragte Mariam Schaghaghi den Schriftsteller David Sedaris. Der amerikanische Schriftsteller veröffentlichte sein erstes Buch mit 36 Jahren, heute, mit 60 Jahren, ist er für seine humorvollen Bücher weltweit beliebt.

„Ich habe es nie als Therapie wahrgenommen. Ich habe einfach nur geschrieben.
Wenn mich heutzutage junge Leute fragen, was sie tun sollten, um Schriftsteller zu werden, dann sage ich immer: „Schreiben!“ Darum geht’s: einfach zu schreiben, so viel wie möglich. Sie fragen nie, was sie tun müssen, um Texte zu veröffentlichen, sie wollen immer wissen, wie man Schriftsteller wird. Wer viel liest und viel schreibt, wird automatisch besser. Hätte ich meine Tagebücher je mit dem Anspruch geschrieben, sie zu veröffentlichen, wäre ich nie so weit gekommen. Denn natürlich war’s auch einmal grauenvoll geschrieben, ob nach vier Tagen oder 14 Jahren Schreibroutine. Wichtig war nur, dass ich schrieb und mir alle Freiheit liess. Was ich heute Morgen schrieb, ist heute vielleicht uninteressant. Aber vielleicht sehe ich das eines Tages anders.“
Mariam Schaghaghi „Es gibt genug Leute, die ernst schreiben“, Neue Zürcher Zeitung 15.10.2017

2010 hat er den begehrten Büchnerpreis erhalten, nun will er zum „reinen Selbstgespräch“ zurückkehren, schreiben nur noch für sich und die Schublade.
„Kein Anspruch mehr von aussen, kein Einspruch gegen das Geschriebene. Und der Autor bleibt, was er immer schon war: autonom.“

„Die Kleidung ist ein getragenes Gedicht“, so poetisch erklärt Dieter Meier, vom schweizer Elektropop-Duo Yello die tägliche Auswahl seiner Kleidung, seine Vorliebe für Farbe und Stil an jedem einzelnen Tag. Der 72jährige ist ein allround man. Als Songtexter und Sänger steht er immer noch auf der Bühne . Hits hat Yello auch schon gehabt, der Stoff für die Songs kann ihm nicht ausgehen, dazu war und ist sein Leben zu vielfältig. Ende November ist er zum ersten Mal auf Tournee gegangen.

Diese Selbstermutigung zum Schreiben ist als Postkarte im Daedalus Postkartenkalender ‚Fliegende Worte‘ für das neue Jahr zu finden.

Ex voto
Schreib, was dir keiner glauben wird.
Schreib, als wäre nichts dabei, schreib
über Geister, deren Existenz
du selbst bezweifelst, und doch.

Schreib, was keiner dir verzeihen wird.
Nicht unten hin, nein mitten auf das Blatt
Schreib, dass du selbst dir Heimat bist
und rein dein Herz.

Schreib, wofür man dich auslachen wird.
Warte nicht auf Beifall, schreibe ungehemmt
über die tägliche, gemeine Niedertracht
und über Gott, der dich nicht erhört.

Was noch? Schreib über Liebe, ja darüber auch
Und sag, du kennst nun ihr Geheimnis:
Dass man Gedichte vor der Liebe schreibt
und sie erst lesen wird, wenn sie vorbei ist.

aus dem Georgischen von N. Hummelt nach einer Interlinearübersetzung
von T. Khachapuridze

Der englische Schriftsteller Ken Follet ist ein fleißiger Schreiber, gerade hat er wieder einen neuen Roman „Das Fundament der Ewigkeit“ veröffentlicht. Die Frage liegt nahe:

„Wie finden Sie Ihre Themen?“

„Wie die meisten Autoren halte ich ständig Ausschau nach Themen, und ich tue das sicherlich immer, wenn ich ein historisches Buch lese oder Romane anderer Autoren, wenn ich im Theater bin oder im Kino oder wenn ich Zeitungen oder Zeitschriften lese. Dann frage ich mich, ob das nicht vielleicht eine Story wäre. Manchmal, wenn ich den Roman eines anderes Autors lese, denke ich, ich wünschte das wäre mir eingefallen. Oder wenn er etwas geschrieben hat, das nicht so gut war, dass ich die Geschichte besser erzählt hätte. Ich glaube, dass Autoren alle oft denken, „Daraus könnte ich vielleicht etwas machen.“
Neue Zürcher Zeitung 25.11.2017

Im Gespräch mit Jonathan Franzen erfährt Sandra Kegel, was der Bestsellerautor als „Tragödie
meines Lebens“ empfindet, wovor ein Romancier sich hüten sollte und womit er sich quält, – bevor er einen Roman anfangen kann:
„Bevor ich loslege, muss ich vor allem sicher sein, dass ich alle wichtigen Elemente habe. Das bedeutet vor allem eins: streichen. Nein, nein, nein. Nicht gut genug, nicht gut genug, nicht gut genug. So sehen die ersten quälenden Monate aus – oder auch Jahre. Dann grüble ich sehr lange Zeit über Fragen wie: Wie bringe ich das zusammen? Wie beginne ich den Satz? Wie gestalte ich den Dialog? Wenn ich eine Idee hätte, wenn ich eine Figur hätte, dann würde ich ja loslegen. Aber gute Figuren zu finden ist das Schwierigste überhaupt, es kann Jahre dauern. Vor allem, weil ich mich nicht gerne wiederhole. Ich war neulich in Butte, Montana, um mir die großen Kupferminen dort anzuschauen. Da haben sie wirklich die ganze Erde abgetragen, da ist nichts mehr übrig außer einem toxischen See. So fühle ich mich manchmal. Ich hasse den Gedanken, aber zuweilen glaube ich, dass da nichts Neues übrig ist, worüber es sich zu schreiben lohnt.“
aus: „In zehn Jahren twittern nur noch Arme und Verrückte“ Gespräch mit Jonathan Franzen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 18.11.2017

„Jeder hat seine eigenen Gründe, warum er Schriftsteller wird. Über meine Veranlassung rede ich nicht gerne, weil ich meistens zu sehr bemüht bin, das, was mich antreibt, als etwas in sich Geschlossenes, Zusammenhängendes und Schlüssiges darzustellen. Einige Talente und Schwächen spielen in dem Ganzen aber zweifellos eine gewisse Rolle. An der Oberfläche ist bei mir ein ausgeprägtes Einzelgängertum festzustellen, ich bin ein Stubenhocker, verbunden mit dem keineswegs im Widerspruch dazu stehenden Wunsch, geliebt zu werden oder jedenfalls Aufmerksamkeit zu erhalten. Ich bin ein Mensch, der nicht zu Gefühlsausbrüchen neigt, einer, der keine übertrieben engen Bindungen eingeht, auch nicht mit bestimmten Wahrheiten. Die Welt bleibt mir immer ein wenig fremd, ich nehme sie nicht an im Sinne, daß ich sie umarmen will. Ich fühle mich ganz wohl als Außenstehender, als Randfigur – und so ist meine Anteilnahme meist nicht die eines Handelnden, sondern die eines Beobachtenden. Mein Schreiben hat viel mit diesem Beobachten zu tun, mit einem fortgesetzten, nicht nachlassenden Staunen, wie merkwürdig unsere Existenz ist. Es hat auch damit zu tun, daß diese Merkwürdigkeit, wenn man sie in Sprache überführt, nichts von ihrer Merkwürdigkeit verliert, aber zusätzlich an Bedeutung gewinnt.“

(…) „Die Frage, warum ich schreibe, habe ich mir gar nicht gestellt. Warum erschaffe ich mir eine neue und eigene Welt aus Wörtern, und inwiefern reagiere ich damit auf die reale Welt, die ich mit anderen Menschen teile? Die Erkenntnis, daß mein Erzählen eine Reaktion auf Unordnung ist, daß Schreiben eine besondere Art ist, Angst zu haben, sich zurückzuziehen und mit dem, womit man fertigwerden muß, umzugehen, lag jenseits meines Reflexionshorizontes, ebenso die Erkenntnis, daß ich mich an den Schreibtisch setze, weil ich das Bedürfnis habe, hinter dem Geschriebenen etwas zu finden, das nicht nur auf mich verweist, sondern auch auf die Zeit- und Lebensumstände, in die ich hineingeworfen bin und die sich mir nur ungenügend erschließen. Heute würde ich sagen, daß ich schreibend die Leerstellen meiner Existenz auffülle oder aufzufüllen versuche, deren Unvollständigkeit und deren Mängel, daß ich gegen jenes Nichts anschreibe, das sich unter anderem auch in der Schrecken einjagenden Kluft zeigt, die meinen Vater von den Gegenständen in seinem Haus trennt.
aus „Die Welt, an der ich schreibe“: Der schmale Grat, erschienen bei Sonderzahl, Wien
Von Arno Geiger bei dtv erschienen „Es geht uns gut“, „Selbstporträt mit Flusspferd“, „Alles über Sally“

Der Guardian hat aus Elmore Leonards „10 Rules of Writing“ die zehn Punkte von Jonathan Franzen zitiert:

1. Der Leser ist ein Freund, kein Gegner, kein Zuschauer
2. Fiktion, die den Autor nicht auf eine persönliche Reise in unbekannte oder beängstigende Gefilde schickt, lohnt die Mühe nicht. Es sei denn für Geld.
3. Verwende niemals das Wort „dann“ als Konjunktion – dafür haben wir „und“. Ein Autor, der auf zu viele „unds“ im Text mit dem Einsatz von „dann“ reagiert, ist entweder faul oder hat kein Gespür für die Satzmelodie.
4. Schreibe in der dritten Person, es sei denn eine erste Person drängt sich mit einer unverkennbaren Stimme nahezu auf.
5. Sobald Informationen frei zugänglich sind, wird eine umfangreiche Recherche für einen Roman nicht mehr geschätzt.
6. Die reinste Form autobiografischer Fiktion verlangt nach reiner Erfindung. Es gibt keine Story, die autobiografischer ist als Kafkas „Verwandlung“.
7. Man sieht mehr, wenn man still sitzt, als wenn man hinter den Dingen herjagt.
8. Es ist wenig wahrscheinlich, dass jemand einen guten Roman schreibt, der an seinem Arbeitsplatz Internet hat.
9. Interessante Verben sind selten besonders interessant.
10. Man muss erst lieben, ehe man unbarmherzig sein kann.

Übersetzung: Kerstin Winter

In seiner Wochenendkolumne für die Neue Zürcher Zeitung überrascht der erfolgreiche schweizer Buchautor und Mitgründer von getAbstract die Leser mit ungewöhnlichen Vorschlägen. In seinem Beitrag „Kunst des guten Lebens“ vom 19.8.2017 beschäftigt er sich damit, was man gegen zwanghafte Sorgengrübelei tun kann. Hier ein Vorschlag, der Autoren, die regelmäßig ein Tagebuch oder Notizbuch führen, nicht ganz fremd sein dürfte:

„Nehmen Sie ein Notizbuch und betiteln Sie es mit „Mein grosses Sorgenbuch“. Legen Sie eine fixe Zeit fest, während deren Sie sich Ihren Sorgen widmen wollen. Konkret: Reservieren Sie sich zehn Minuten pro Tag, in denen Sie alles notieren, was Sie beschäftigt – egal, wie berechtigt, idiotisch oder schwammig.
Haben Sie das erledigt, werden Sie für den Rest des Tages einigermassen sorglos sein. Ihr Hirn weiss jetzt: Die Sorgen sind protokolliert und werden nicht einfach ignoriert. Tun Sie dies jeden Tag, und schlagen Sie jeden Tag eine neue Seite auf. Was Ihnen dabei auffallen wird: Es ist immer das gleiche Dutzend Sorgen, das Sie quält. Am Wochenende lesen Sie dann alle Notizen der Woche durch. Stellen Sie sich die schlimmstmöglichen Konsequenzen vor, und zwingen Sie sich, darüber hinauszudenken. Sie werden feststellen, dass die meisten Sorgen damit verpuffen. Was übrig bleibt, sind echte Gefahren, die Sie dann anpacken müssen.“

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