Tagebuch


„Glaubt heute ein Schriftsteller, dass er vielleicht in hundert Jahren noch gelesen wird: Schreiben ist ein anderes Unternehmen geworden, ein Gespräch mit Zeitgenossen und nichts weiter; der Auftrag des Schriftstellers seinen Kindeskindern etwas mitzuteilen von seiner Zeit, wird illusorisch. Vor vierzig Jahren hat Brecht noch an die Nachgeborenen geredet.“

aus: Tagebuch 3.Herausgegeben und mit einem Nahwort von Peter von Matt. Suhrkamp-Verlag Frankfurt 2010

Ich weiß, es klingt kitschig und nach Klischee – dem Klischee des „frühen Talents“: Ich begann als Grundschülerin Geschichten zu schreiben, gern auch Gedichte – in denen sich Haus auf Maus auf Nikolaus reimte. Nun ja.
Als ich zehn Jahre alt war, schrieb ich nach einem heftigen Sommergewitter ein Gedicht, beim dem sich „hören“ auf „Föhren“ reimte.
Gott sei Dank hatte ich Eltern, die mich ermutigten und nicht angesichts dieser Reimkünste mit dem Kopf schüttelten. Bald nach dem Föhren-Gedicht (ich weiß gar nicht, wie ich auf „Föhren“ kam – gibt es in Berlin, meiner Heimatstadt, Föhren?) fing ich an, Tagebuch zu schreiben. Ich schrieb wie der Teufel, das Tagebuch ersetzte mir zeitweise die beste Freundin, die nämlich, zu meinem Leidwesen, auf ein anderes Gymnasium als ich geschickt wurde. Meine Eltern wollten unbedingt, daß ich mit Latein als erster Fremdsprache beginne… also wurde ich von meiner besten Freundin getrennt, die, wie auch meine anderen Freundinnen, mit Englisch beginnen sollten. Ich vertraute mich meinem Tagebuch an. Jeden Tag schrieb ich viele Seiten. Nicht nur über den Kummer mit den Freundinnen, auch über meine Ängste vor dem Dritten Weltkrieg, der Ökokatastrophe… manches liest sich im Nachhinein überzogen, anderes (Ökokatastrophe) wiederum gar nicht. Ich malte auch in mein Tagebuch, gerne Peace-Zeichen, von denen Tränen rannen… oder Reagan mit Pershing-II-Raketen mit Totenkopfgesichtern … ganz im Stil der vorherrschenden Achtziger-Jahre-Ästhetik, die Drama, Pathos und Weltuntergang beschwor, nun ja. Jedenfalls war mir mein Tagebuch ein sehr enger Vertrauter – oder vielmehr eine enge Vertraute. Bis eines Tages mein Vater mit einem Tablett mit Tee und Kuchen bei mir im Zimmer stand. Das war ein sehr sehr ungewöhnliches Verhalten für ihn, er war als Kunsthistoriker und Direktor eines Berliner Museums
(Kupferstichkabinett) ein Workaholic, ständig auf Dienstreisen, mein Bruder und ich bekamen ihn selten zu Gesicht. Später hat es ihm wohl leid getan, so wenig Zeit für uns gehabt zu haben, später, als ich selber anfing zu arbeiten, hatte ich mehr Verständnis für ihn als als Kind. Jedenfalls war sein Verhalten – die angedeutete Teepause – sehr ungewöhnlich. „Was ist los?“ fragte ich erschrocken. Ich weiß es noch heute. „Es tut mir leid, Tanja, aber Deine Mutter und ich, wir haben Dein Tagebuch gelesen. Denn wir haben uns Sorgen um Dich gemacht, Du hast immer so bedrückt gewirkt…“ Das Gespräch, was diesem Auftakt folgte, war gut gemeint, auch wenn es mir natürlich weder meine Freundin herbeizaubern noch meine Ängste vor allen Übeln dieser Welt nehmen konnte – . Aber „gut gemeint“ ist eben nicht immer „gut“: Ich hatte nun auch noch mein Tagebuch als imaginäre Freundin verloren, die Vorstellung, daß andere – auch noch meine Eltern – es einfach heimlich von vorne bis hinten durchgelesen hatten, war mir ein Greuel – auch schämte ich mich für alle meine unausgegorenen Gedanken, Sorgen und Ängste, die ich darin zu Papier gebracht hatte. Ich habe seitdem nie wieder eine Zeile Tagebuch geschrieben. Das Ganze ist lange her, 28 Jahre. Lange Zeit war ich sehr wütend auf meine Eltern. Jetzt, viele Jahre später, denke ich: Wer weiß, wenn ich weiter so viel Tagebuch geschrieben hätte, wäre ich vielleicht nie Schriftstellerin geworden.
Denn nachdem es mit dem Tagebuch vorbei war, fing ich an, Texte zu schreiben, die andere auch heimlich lesen können würden.

Tanja Dückers, Sylt, im Januar 2010

Ein reines Tagebuch führe ich nicht. Das wäre mir zu eng. Ich führe ein Logbuch oder Journal, das außer dem Tagebuch auch alle meine Ideen und Gedanken enthält, nicht aber aber meine Termine.

Die Regeln sind:
1. Du sollst kein anderes Notizbuch haben neben mir.
Damit ist gemeint, dass alles nur in das Logbuch oder Journal geschrieben wird. Damit wird verhindert, dass Gedanken zu früh bewertet oder gar sortiert werden.
2. Mit meinem Logbuch bin ich intim
Um so viel Vertrauen zu einem Schriftstück aufzubauen, muss ich vorher sicher stellen, dass niemand außer mir Zugang hat.
3. Formuliere Deine Projekte
Erfolgreiche Gedanken sind Projekt orientiert. Einzelne Gedankensplitter werden zwar auch notiert, aber die eRfahrung hat gezeigt, dass daraus selten etwas wird. Mein eigenes Ich kann dabei durchaus zu einem Projekt werden, vor allem in Zeiten persönlicher Krisen.
4. Schreibe zweigleisig
Manchmal ist es erhellend, sich selbst beim Schreiben zu beobachten und diese Selbstbeobachtungen zu notieren

Das Management des Schreiben verläuft folgendermaßen:
1. alle interessanten gedanken werden notiert. Gedanken werden durch Absätze getrennt 2. Am Ende eines Monates werden die Gedanken erneut gelesen und mit einem oder mehreren Schlüsselwörtern versehen 3. Die Gedanken werden einmal unter dem entsprechenden Monat abgespeichert (chronologische Erinnerung) und einmal unter den Schlüsselwörtern. Anschließend ist der Masterfile wieder frei.
4. Wenn die Gedankensammlungen unter einem bestimmten Schlüsselwort eine krtische Größe erreicht hat, wird dieser File durchgearbeitet und seine Inhalte sortiert. Bei dieser erneuten Begegnung mit den eigenen Gedanken kommen neue Ideen, die dann wieder in den Masterfile notiert werden.
Siehe das erste Gebot.

Dieses Vorgehen führt unter anderem dazu, dass Gedankens ich vernetzen und gegenseitig verstärken. Das Ergebnis ist eine Gedankentiefe, die sich durch einfaches Nachdenken nicht erreichen lässt.

Zur Nachahmung empfohlen.

Prof. Dr. Wolfhard Symader, Trier, Jan. 2010

ich habe auch zu zeiten von depressionen tagebuch geschrieben – als der vater meiner kinder mich verlassen hatte – um nicht verrückt zu werden.
aber am liebsten habe ich reisetagebücher geschrieben, zuletzt von unserer schiffsreise mit einem selbst gebauten katamaran vom rhein, moselaufwärts nach frankreich, durch den canal de vosges, saône, rhoneabwärts, in séte ins mittelmeer und dann die küste entlang bis nach portugal. dieses tagebuch ist in kleinem rahmen auch veröffentlicht (unter anderem auf meiner website: http://home.arcor.de/barbara.mundt) und wird gern gelesen.
heute erfüllen zum teil e-mails den zweck eines tagebuches. e-mails an meine liebe freundin in deutschland, der ich alles schreiben kann, wie einem tagebuch, und sie mir.
und dieses tagebuch antwortet sogar.

barbara-marie mundt, olhão, portugal, jan. 2010