Rezensionen


„Zunächst glaube ich, dass die meisten Schriftsteller, sogar die besten, beim Schreiben zuviel hineinpacken. Ich selbst ziehe es vor, in dieser Hinsicht zu untertreiben. Schlicht und klar wie ein Gebirgsbach. Doch ich hatte das Gefühl, dass mein Stil zu schwerfällig wurde, dass ich drei Seiten brauchte, um die Wirkung zu erzielen, die ich mit einem einzigen Absatz hätte erreichen sollen. Immer wieder las ich alles durch, was ich geschrieben hatte, und mir kamen allmählich Zweifel (…). Ich las „Kaltblütig“ noch einmal durch und machte dieselbe Erfahrung. Da wimmelte es von Stellen, an denen ich nicht so gut geschrieben hatte, wie ich es wirklich konnte, an denen ich nicht alles gegeben hatte, was mir zur Verfügung stand. Langsam, jedoch mit zunehmender Beunruhigung, las ich jedes Wort, das ich jemals veröffentlicht hatte, und kam zu der Einsicht, dass ich niemals in meinem ganzen Schriftstellerleben die volle Energie, den vollen ästhetischen Reiz des Materials komplett erschlossen hatte. Selbst wenn das Ergebnis gut war, erkannte ich, dass ich niemals mehr als die Hälfte, manchmal auch nur ein Drittel meines Talents eingesetzt hatte. Warum?“

Die ANTWORT nach Monaten des Nachdenkens war einfach, aber nicht sehr zufriedenstellend. Auf jeden Fall war sie nicht geeignet, mich aus meiner Depression zu entlassen; im Gegenteil, sie verschlimmerte sie noch.

Denn diese Antwort schuf ein scheinbar unlösbares Problem, und wenn ich das nicht lösen konnte, dann konnte ich auch gleich aufhören zu schreiben. Das Problem lautete: Wie kann ein Autor in einer einzigen literarischen Form – sagen wir, in einer Kurzgeschichte – alles vereinigen, was er über sämtliche anderen literarischen Formen weiß? Denn das war es, warum es meiner Arbeit häufig an Glanz mangelte; die elektrische Spannung war da, weil ich mich jedoch auf die Techniken derjenigen literarischen Form beschränkte, in der ich arbeitete, brachte ich nicht alles ein, was ich vom Schreiben verstand – alles, was ich aus Drehbüchern, Theaterstücken, Reportagen, Gedichten, Kurzgeschichten, Novellen und Romanen gelernt hatte.
zitat aus: „Erhörte Gebete“, Kein & Aber Verlag Zürich

die schriftstellerin hatte sich gut vorbereitt für ihre ansprache zur gedenkfeier für ihren vater an der University of Minnesota. während des vortrags begann sie plötzlich ohne vorherige anzeichen am ganzen körper zu zittern, „Arme und Beine gerieten völlig außer Kontrolle“. weder neurologen noch nader ärzte fanden eine erklärung für dieses phänomen, das sich seither wiederholt. Sandra Kegel im interview mit der schriftstellerin fragt:

War das Buch auch eine Art Therapie?

„Das Erzählen ist ein Weg, die Krankheit und den Schmerz zu beherrschen, nicht aber zu heilen. Das Sprechen und Schreiben darüber hilft.n Ich durchdringe mein Leiden auf neurologischer und psychologischer Ebene, und das Buch reflektiert diesen Vorgang. Doch die Krankheit ist nicht überwunden. Und auch da ist die Perspektive enscheidend. Denn es gibt in der Wissenschaft Hinweise darauf, dass es die reine, also biologische Empfindung von Schmerz gar nicht gibt, sondern sie von der Persönlichkeit des Erkrankten abhängt. Gerade bei chronischen Erkrankungen ist die Art und Weise, wie man sie persönlich wahrnimmt, entscheidnend für den Verlauf. Bei einer Grippe kehrt man schnell zu demjenigen zurück, der man glaubt zu sein. Eine chronische Krankheit kann man nur annehmen oder verdrängen. Deshalb lautet der letzte Satz in meinem Buch: „Ich bin die zitternde Frau.“ Das bedeutet, dass ich die Krankheit angenommen habe. Und zwar nicht als Fremdling sondern als Teil von mir.“
Die zitternde Frau. Eine Geschichte meiner Nerven. erscheint bei Rowohlt

„Ich habe keine Phantasie, ich habe ein schlechtes Gedächtnis. Ich schreibe mit Hilfe meiner Erinnerungen, aber da ich ein sehr schlechtes Gedächtnis habe, gebe ich beim Erzählen keine Tatsachen wieder, sondern eine verzerrte Darstellung dessen, was geschehen ist. (…)
Wer diese ganz besondere Art von Grausamkeit erdulden muss – ein schlechtes Gedächtnis -, für den ist die Vergangenheit fast genauso unwirklich wie die Zukunft. Blicke ich zurück und versuche mich an die Dinge zu erinnern, die ich erlebt habe, die Schritte, die mich hierher geführt haben, weiss ich niemals mit völliger Gewissheit, ob ich mich tatsächlich erinnere oder erfinde. Während wir die Dinge erleben, in der Zeit ‚dazwischen‘, die wir als Gegenwart bezeichnen – mit all dem zerstörerischen Gewicht, das die unmittelbare Wirklichkeit besitzt -, kommt uns alles banal und beständig und fest vor, wie ein Tisch oder ein Hocker; indes die Zeit vergeht, brechen jedoch die Beine dieses Hockers, oder sie gehen verloren, die Sitzfläche biegt sich durch, die Rückenlehne verzieht sich, die Armstützen werden von Termiten zerfressen, bis die Dinge zuletzt so unwirklich sind wie jener Gegenstand, den Lichtenberg einmal so wunderbar bestimmt hat: „Ein Messer ohne Klinge, an welchem der Stiel fehlt.“
Was ist das für ein Gegenstand? Ein Gegenstand, der nur in Wortgestalt existieren kann, etwas, was man nicht vorzeigen kann, was Sie jedoch mit Hilfe der Worte „Ein Messer ohne Klinge, an welchem der Stiel fehlt“ sehen können. Genau das ist fast immer die Vergangenheit, etwas, was nicht mehr da ist und wovon uns nur die Spur der Worte bleibt. Was bereits geschehen ist und was erst noch geschehen wird, über beides kann ich in meinem Kopf blosse Vermutungen anstellen. Die autobiografischen Berichte, aus denen meine Bücher bestehen, sind von genau dieser gemischten Beschaffenheit: entweder die geduldige Wiederherstellung – mit Hilfe von Indizien – einer Vergangenheit, die nicht mehr genau erinnert wird, oder das Erstaunen angesichts einer Zukunft, die Angst oder Sehnsucht hervorruft, womöglich aber niemals eintreten wird.“
von Héctor Abad erschien zuletzt ein buch über seinen ermordeten vater im Verlag Berenberg: Brief an einen Schatten. Eine Geschichte aus Kolumbien.

Eva Horn ist professorin für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Basel und hat über ihren forschungsschwerpunkt ein sachbuch geschrieben: über verschwörungen, verrat, spionage. Regula Freuler hat mir ihr gesprochen und gefragt:

Was haben fiktionale Werke fundiert recherchierten Sachbüchern über Spionagefälle voraus?

„Nur Fiktion kann die Dinge beim Namen nennen. Das sieht man exemplarisch bei Le Carré, nicht nur am Fall des britisch-sowjetischen Doppelagenten Kim Philby, den er im Roman „Dame, König, As, Spion“ verarbeitete, sondern auch daran, wie er im Roman „Die Libelle“ über Mossad-Aktionen schreibt. Le Carré hat offensichtlich noch lange nach seinem Ausscheiden aus dem Geheimdienst gute Kontakte gehabt und wurde mit Informationen versrogt.
Wenn Geheimdienstleute selber solche Dinge publik machen, würden sie sich strafbar machen. Wenn man dagegen einen Roman schreibt, kann man unter dem Deckmantel der Fiktion schreiben, was man will.
Bei Stanley Kubricks Film „Dr. Strangelove“ hat der amerikanische Staat sogar verlangt, dass die Macher eine Fiktionalisierungsklausel voranstellen, so realitätsnah erschien das im Film entworfene Katastrophen-Szenario.
(…) Die Fiktion ist gerade deshalb eine scharfe Waffe, weil sie sich nicht auf eine ‚Wahrheit‘
festlegt.“

Sie vertreten die These, dass gewisse fiktionale Werke einen bedeutenden Beitrag geleistet haben bei der Entwicklung der Geheimdienste. Wie muss man sich das vorstellen?
„Während das Militär und die Polizei noch Dienst nach Vorschrift machten, waren es die Romanautoren, die zum ersten Mal nicht nur die Notwendigkeit von Spionen sahen, sondern auch ein Bild davon entwarfen, was diese Spione können müssen. Gute Beispiele sind etwa Rudyard Kiplings Roman „Kim“ (1901), in dem der Typus des Kolonialspions entworfen wird, und Erskine Childers‘ Roman „Das Rätsel der Sandbank“ (1903) für den britischen Marinegeheimdienst. „Kim“ finde ich heute ungeheuer aktuell. Kipling beschreibt darin einen jungen Waisen, der in Indien im „Green Game“ zwischen dem British Empire und dem russischen Reich eingesetzt wird. Was Kim auszeichnet, ist das, was das Empire damals Brauchte und was die Russen nicht hatten, nämlich kulturell versierte Figuren. (…) Heute bräuchten die Amerikaner im Irak solche Kims, um das Land und seine Bevölkerung zu verstehen.“

Verlag S. Fischer, tb: „Der geheime Krieg. Verrat, Spionage und moderne Fiktion“

weil meine eigenen Erfahrungen nicht den Hoffnungen und Ambitionen entsprechen, die cich für meine Bücher habe. John Wray hat den roman „Retter der Welt“, geschrieben, in dem ein 16jähriger junge glaubt, er könne die welt vor der nahen klimakatastrophe retten, aber alle halten ihn für schizophren.
umagazin hat den schriftsteller interviewt und gefragt, wie stark autobiografisches erleben sein schreiben beeinflusst:

Bist du nicht Schriftsteller geworden, weil du das Gefühl hattest, da ist etwas in dir drin, was raus muss?

„Doch, natürlich. Ein Roman ist ja der intimste Ausdruck, den man sich vorstellen kann. Nur sollte man sich nicht fragen, ob ich schizophren bin, weil meine Hauptfigur unter dieser Krankheit leidet. Wenn man etwas über mich erfahren möchte, dann muss man sich nur anschauen, wie ich die Erzählung konstruiere, wie ich die Ereignisse schildere und welches System ich erfinde, um meinen Roman zu erzählen. Ich hoffe, das klingt jetzt nicht zynisch, aber wenn ich aufgefordert werden würde, könnte ich über jedes Thema schreiben. Die wichtigsten Entscheidungen werden immer erst nach der Themenfindung getroffen. Es gibt diese alte Weisheit, nach der es nur zwölf verschiedene Geschichten gibt, die immer wieder neu erzählt werden. Das ist wahrscheinlich eine Übertreibung, aber im Kern steckt da schon eine Wahrheit drin.“
erschienen bei Rowohlt

Marco Schmidt fragte die bekannte französische schauspielerin (unvergesslich im film „8 Frauen“) anlässlich ihres regiedebüts zu ihrem film „Asche und Blut“:

Kürzlich haben Sie Ihr Regiedebüt präsentiert: das archaische Rachedrama „Asche und Blut“, zu dem Sie auch das Drehbuch verfasst haben. Wie kam es dazu?

„Schon als Kind war ich fasziniert von griechischen Tragödien. Ein Buch über albanische Bestrafungsriten und Ehrenkodizes hat mich schließlich zu meinem Vergeltungsdrama inspiriert. Und als ich bei einem Theaterengagement vor einigen Jahren jeden Nachmittag frei hatte, fing ich an, die Geschichte niederzuschreiben. Ich habe das fertige Drehbuch einer Filmförderungskommission vorgelegt – und tatsächlich Fördermittel bekommen. Trotzdem wollte lange Zeit niemand den Film produzieren. Ständig bekam ich zu hören: „Warum schreiben Sie nicht ein nettes Drehbuch über Ihre eigenen Erfahrungen als Schauspielerin?“ Ganz einfach: Weil mich das furchtbar anöden würde! Ich finde es viel interessanter, unbekanntes Terrain zu erforschen.“

John Fante ht immerwieder seinen beruf als schriftsteller und drehbuchautor zum thema seiner romane gemacht. Charles Bukowski äußerte einmal: „Fante war mein Gott“.

„Ich fing dauernd Romane an und füllte damit die Pausen zwischen Drehbuchaufträgen. Aber das führte zu nichts und scheiterte an einem Mangel an Selbstvertrauen und Disziplin, und ich gab es schließlich mit einem Gefühl der Erleichterung auf.

Drehbuchschreiben war einfacher und brachte mehr Geld , diese eindimensionale Kritzelei, die vom Schreiber nichts weiter verlangt, als dass er seine Figuren in Bewegung hält. Die Formel war immer gleich: kämpfen und bumsen. Wenn das Drehbuch fertig war, gab man es anderen Leuten, die es dann in Fetzen rissen bei dem Versuch, daraus einen Film zu machen. Wenn man sich dagegen an einen Roman machte, war die Verantwortung erschreckend. Man war nicht nur der Schreiber, sondern auch der Held und alle anderen Rollen und außerdem Regisseur, Produzent und Kameramann. Hatte ein Drehbuch keinen Erfolg, konnte man immer vielen anderen Leuten – vom Regisseur abwärts – die Schuld geben. Wenn der Roman durchfiel, war man in seinem Elend allein.“
aus dem roman: Westlich von Rom – soviel ich weiß, ist dieser roman, einer seiner weniger erfolgreichen unterhaltungsromane, heute out of print. es gibt aber etliche seiner starken werke als taschenbücher bei Goldmann und Ullstein

Matthias Zehnder fragt den schriftsteller Franz Hohler, bekannt für seine kinderbücher, kurzgeschichten, theaterstücke und romane, anlässlich der veröffentlichung seines neusten bandes mit erzählungen:

Was bedeutet Ihnen die Fantasie?

„Ein lebenswichtiges Organ, das in ständiger Gefahr ist, zu verkümmern, nicht genug genährt zu werden. Ein Organ, das gerne der Kinderwelt zugeordnet wird. … Das Organ Fantasie ist gleich viel wert wie der Herz oder die Leber oder das Zwerchfell. Fantasie und Realität werden zu oft als Gegensätze angesehen. Die Fantasie hilft uns bei der Bewältigung der Realität.

… sie ist eine Alternative zur Realität, eine Art Zuflucht. Fantasie ist eine Fluchtburg vor dem Schreckenshorden des Alltags. Aber diese Fluchtburg ist auch eine Gegenkraft.

… Es geht darum, dass man sich mit seiner Fantasie Gegenwelten schaffen kann, wie es Rilke gemacht hat. … Nehmen Sie die Gedichtzeile „Herr es ist Zeit, der Sommer war sehr gross“. Diese Zeilen sind in den Alltag übernommen worden. Ganz zu schweigen von „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.“ Wenn man diesen Satz isoliert liest, hat er heute fast satirische Qualitäten. Aber wer fähig ist, sich wirklich zurückzuziehen in seine Welt und der Welt zu vertrauen, die er sieht, wenn er die Augen zumacht, der ist auch fähig, wieder auf die Welt einzuwirken mit Bildern, die er vielleicht selber nicht versteht. Plötzlich wird aus den Bildern ein Begriff, der den Alltag erweitert und damit das Sehvermögen der Menschen.“

der erzählband von Franz Hohler: „Das Ende eines ganz normalen Tages“ ist im Luchterhand Literaturverlag erschienen

von ihm heißt es, dass er „die Fusion von gegenwartsnahem Wissenschaftsdiskurs und menschlicher Erfahrung“ zum thema seiner werke gemacht hat. dazu hat er in die „The Gold Bug Variations“ die Entschlüsselung des menschlichen Erbgutes mit Johann Sebastian Bachs Goldberg Variationen in Bezug gesetzt“. Sieglinde Geisel hat den Autor gefragt:

Was wissen Sie über ein Buch, wenn Sie mit dem Schreiben anfangen?

„Nichts. Schreiben ist ein Akt des Herausfindens, was man schreibt. In den drei bis vier Jahren, die ich für mein letztes Buch gebraucht habe, hatte ich sehr wenig Ahnung von dem, was ich tat – das zeigen die unzähligen Entwürfe und Revisionen.“

Die Theorie der Evolution hat den Schöpfergott durch den Zufall der genetischen Mutation ersetzt. Was für Folgen hat das für die Menschheit?

“ (…) Die Erfahrung von Sinn hängt für uns davon ab, ob wir unser Handeln als Beitrag zu etwas Grossem und Absichtsvollen wahrnehmen. (…) Unsere Seele neigt zur spirituellen Annahme einer Gottheit. Es ist ein bisschen, wie wenn man vier Jahre mit em Schreiben eines Buches über das Selbst verbringt und dann einsehen muss, dass die Hirnforschung sagt: Es gibt kein Selbst – doch gleichzeitig beharre ich als Individuum darauf, dass ich mich als ein Selbst erlebe.“
als deutsche übersetzung erschienen im S. Fischer Verlag: Der Klang der Zeit und Das Größere Glück

Und wieder liegt in der jahres-
bilanz die tränenfabrik
vornan.

während mein verkehrsamt sich noch die hacken ablief
und das amit für herzensangelegenheiten
noch hysterische attacken ritt,
fuhr die tränenfabrik nacht für nacht schicht,
brachte selbst an sonntagen neue rekorde der produktion.

(…) ich bin arbeitsinvalide meiner heldentränenfabrik
habe schwielen auf den augen,
dazu noch den jochbeinbruch
bezahllt werde ich nach der leistung
und bin zufrieden mit dem, was ich habe.

der gedichtband von Valzyna Mort ist von Katharina Narbutovic aus dem weissrussischen übersetzt worden und in der Edition Suhrkamp erschienen

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