Rezensionen


„Eigentlich ist das Erzählen ein ziemlich rätselhafter Vorgang: Jemand übermittelt uns etwas in Worten, von dessen Existenz wir meistens nur durch diese Worte überhaupt erfahren und das für uns in solcher Übermittlung gleichwohl Dringlichkeit und wahrhafte Präsenz gewinnen kann. Je stärker dies der Fall ist, also je mehr uns das Erzählte anspricht, bewegt, berührt, ergreift und fesselt, desto williger vergessen wir den Vorgang des Erzählens selbst und wollen uns ganz auf das einlassen, wovon die Rede ist – die eigentliche Gegenwart verblasst und die Person des Erzählers wird dadurch um so machtvoller. Spannend wird die Geschichte meistens dann, wenn wir uns darin verlieren können und die Rolle des Erzählers, der doch alles nur mit Worten ausmalt oder schlicht erfindet, aus dem Blick verliert. Dann hat er uns ganz in der Hand. Wie ein Puppenspieler führt er nicht nur die Figuren an den Fäden, sondern auch sein Publikum. Seine größte Macht liegt darin, selber unsichtbar zu sein.“, schrieb Tobias Döring in seiner Rezension über den neuen Roman „Unsichtbar“ von Paul Auster.
„Doch immer, wenn … wir uns vom Erzählten bedenkenlos mitreißen lassen wollen, bricht der Roman mit der Illusion: Der Vorgang des Erzähltens selbst rückt in den Vordergrund und konfrontiert uns mit der Frage, ob Wortgespinsten überhaupt zu trauen ist. Die Macht dieses Erzählers liegt also eher darin, je nach Bedarf sichtbar zu sein.“
In seiner Rezension unter dem Titel ‚Mord komm raus, du bist umzingelt‘ (FAZ v. 17.7.2010) gelingt Tobias Döring eine Analyse des Erzählens wozu er
Paul Austers Roman als Lehrmaterial benutzt.

Felicitas von Lovenberg führte in der FAZ vom 2.10.2010 ein Interview mit dem bekannten jüdischen Schriftsteller und Autor, der in diesem Jahr mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels geehrt wurde:

Wie finden Sie die Charaktere für Ihre Bücher? Ist es mit jedem Buch anders?

„Ja, es ist anders mit jedem Buch, mit jeder Figur. Es beginnt damit, dass ich die Figur vor mir sehen muss. Manchmal stecke ich monatelang fest, weil ich nicht weiß, wie jemand, über den ich schreibe, aussieht. Ich erinnere mich zum Beispiel an „Wohin du mich führst“ …
Ich hatte also diese Figur, das Mädchen Tamar, aber ich wusste nicht, wie sie aussah. Eines Tages sah ich dann in einem Computerladen ein Mädchen in einer Latzhose. Ich sah sie nur von der Seite, ihre Kinnlinie und ihr Haar. Sie hatte etwas sehr Empfindliches und zugleich Toughes. Ich bin regelrecht aus dem Laden gestürmt; ich wußte einfach, das ist Tamar. Da konnte ich das Buch endlich schreiben. Jede Figur beginnt für mich mit dem Körper, und dann wächst sie langsam. Wenn ich schreibe bin ich schamlos wie ein Taschendieb, ich benutze alles. Fast jeder Satz, den ich höre, ob im Radio, von meiner Frau oder aus der Zeitung, wird mögliches Material – dies ist etwas für die Figur Ora, dies ist für Avram, das könnte Ora in ihr Notizbuch schreiben, dies von einer Freundin hören … Ich liebe diesen Zustand, weil er die Welt verdoppelt.“

2009 erschien von David Grossmann der berührende Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“
im Hanser Verlag

Viele kennen sie als Schauspielerin und natürlich aus dem Film Lola rennt. Jetzt ist sie auch Autorin geworden mit ihren „Zehn Stories“, die im Piper-Verlag erscheinen. Im Interview mit Julia Hofer stellt sie eine kühne Behauptung auf:

„… ich behaupte, jeder, der bei einem Abendessen eine lustige Geschichte erzählen kann, kann auch ein Buch schreiben. Zum Schreiben braucht es vor allem Lust und Zeit, ein bisschen Mut und vielleicht etwas Zuspruch. Ein Buch ist ein überschaubares Projekt.“

Welche Rolle gefällt Ihnen besser: die der Schauspielerin oder die der Autorin?

„Dass mein Buch in der Literaturabteilung eines tollen Verlags erschienen ist, finde ich natürlich geil, das ist der totale Ritterschlag! Aber ich muss mich daran erst noch gewöhnen. Ich sehe mich nicht als Schriftstellerin.“

In diesem Monat erscheint „Die Moselreise“ des Schriftstellers, der als beliebter Professor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim vielen jungen Talenten auf den Weg hilft und seine eigenen Bücher schreibt. Auch unsere Autorin Anna Basener hat dort studiert.
Hanns-Josef Ortheil schreibt in seinem Buch über seine Arbeit, über das Sammeln von Material, von Eindrücken, über das Festhalten und Ordnen von Empfindungen und alles, was dazu beiträgt, Literatur entstehen zu lassen:

„Ich resümiere nicht, ich verfolge nicht meine Emotionen und Stimmungen, stattdessen geht es um das Festhalten des Augenblicks, um die Moment-Skizze, um das Flackernde Denken und Fühlen. (…) Ich empfinde dieses tägliche Notieren und Schreiben aber nicht als Zwang, das Schreiben „geschieht“ vielmehr beinahe von selbst, wie nebenher, wie Essen und Trinken, wie Gehen und Sehen.““

Hanns-Josef Ortheil: Die Moselreise, erscheint im September im Luchterhand Literaturverlag

bespricht in der Literarischen Welt vom 1.9.2010 das Kinderbuch des Schriftstellerehepaars Monika Helfer und Michael Köhlmeier „Rosie und der Urgroßvater“, erschienen im Hanser Verlag, indem er sich zum Anspruch an Kinderbücher äußert:

„Die hohe Kunst, kleine Leser mit Literatur zu erreichen, sie in Freiheit zu fesseln, unterscheidet sich im Grunde kaum von den Erfordernissen der Bücher für Erwachsene. Allein, die ästhetischen Gesetze sind strenger einzuhalten: Je einfacher, desto besser. Ohne dabei jedoch die Grenze zum Banalen zu überschreiten. Kinder haben ein feines Qualitätsempfinden, sie wollen durch Fantasie, nicht durch Phrasen ins Reich der Fantasie entführt werden. Das heißt: mit einer angemessenen, klaren, bildhaft unverbrauchten Sprache.“

die literaturkritikerin Beatrice von Matt schrieb in ihrer rezension zu Ein Unterton von Glück. Über Dichter und Gedichte. von Harald Hartung:

„Man muss wissen, was man macht, wenn man Gedichte schreibt. Nicht um blind und brav irgendwelche Versregeln umzusetzen, sondern um frei zu werden in seiner Kunst. Erst dann hat etwas wie Inspiration eine Chance, etwas, das hier auch „punktuelles Zünden“ oder „Epiphanie des Augenblicks“ genannt wird … Metrische Normen muss man kennen, wenn man sie unterlaufen will … Die Strukturen bleiben wirksam, auch wenn sie bloss durchscheinen und der Leser sie nicht erkennt. Sie verleihen dem Sprachkörper Halt – Form eben.“

„Dichten bedeutet also: Weiterführen, Sich-Anverwandeln, Machen aus Gemachtem. Nichts sei „eigener“, als sich von den andern nähren, notierte Valéry, aber man müsse diese andern verdauen: „Der Löwe besteht aus verdautem Schaf“. Wo imer er als Lyrik-Kenner auf Löwen schaut, bezieht Hartung die verdauten Schafe mit ein.“

Harald Hartung: Ein Unterton von Glück. Über Dichter und Gedichte. – Wallstein-Verlag Göttingen

Stolz auf eine Würdigung seiner überzeugenden Hauptfigur kann Gerard Donovan sein, der eine begeisterte Rezension auf
www.arte.tv/de/Bestenliste-2009-12/3048758.html
zum Thema Glaubwürdigkeit erhielt. Sein Buch „Winter in Maine“ hat einen ungewöhnlichen Charakter – einen Mann, dessen einzige Freunde sein Hund Hobbes und die 3282 Bücher seines Vaters sind. Wie reagiert er darauf als sie ihm genommen werden: „Morde aus der Sicht des Mörders zu schildern ist ein selten gelingendes Unterfangen. Gerard Donovan gelingt das so bravourös, dass man sich als Leser ständig auf der Seite des Mörders erwischt“, schreibt der Kritiker.

Gerard Donovan
Winter in Maine
208 Seiten, gebunden
Luchterhand Literaturverlag
ISBN-13: 978-3630872728

er ist der bekannteste kubanische autor von kriminalromanen, dessen bücher auch in Deutschland begeisterte Leser finden (u.a. Adiós Hemingway und die reihe des Havanna Quartet). im interview fragt Knut Henkel ihn:

Ihre Werke werden weniger kriminalistisch und deutlich sozialer. Aus welchem Grund?

„Ich glaube, dass ich immer den Rahmen des Kriminalromans bewusst gedehnt habe. Ich war nicht ein orthodoxer Krimiautor, und meine Romane hatten immer einen starken sozialen Bezug. Das ist zunhemen in den Vordergrund gerückt: Mein Konzept beruht auf einer detaillierten historischen Recherche, auf deren Baisis ich meine Geschichten aufbaue, und der historische Bezug hat dabei eine zunehmende Bedeutung.

Fürchten Sie keine Fehlinterpretationen?

„Man kann meine Bücher falsch interpretieren, falsch verstehen oder gar nicht verstehen. Vielleicht wird das eine oder andere auch überraschen oder stören. Das sind aber Risiken, die ein Autor eingehen muss. Ich glaube nicht, dass es vollkommen freie Autoren gibt, wenn es ans Schreiben geht. Es gibt Scheren im Kopf, Grenzen, die man akzeptiert oder auch nicht, die aber existieren. Das können religiöse, politische oder andere sein, z.B. dass man sich scheut, in dieser oder jener Form über Homosexualität zu schreiben. Immer gibt es gewisse Grenzen, und der Autor muss sich entscheiden, ober er sie verletzen, niederreissen oder respektieren will.“

von Leonardo Padura ist in diesem jahr der kriminalroman Der Nebel von Gestern erschienen.

der Protagonist seines Romans: Feuer brennt nicht ist sein kollege: er ist schriftsteller und gequält vom überdruss kreativer arbveit:

„Die Unwahrheit fängt mit dem Kunstwillen an, dem Arrangement, aber das merkt man zunächst nicht. Er kommt mit den Jahren, der Überdruss an der Fiktion, der Ekel vor dem Phantasieren, Fabulieren, Retardieren, dem Ausmalen und Weglassen, (…) Heute noch etwas erfinden, heißt der Wahrheit verlorengehen.“
aus: Feuer brennt nicht von Ralf Rothmann, Suhrkamp Verlag Frankfurt/M.

Thomas David fragt die Baroness James of Holland anlässlich des erscheinens ihres neunzehnten kriminalromans:

Können Sie sich ein Bild dessen machen, was T.S. Eliot in seinem Gedicht „Die hohlen Männer“ als ‚Traumreich des Todes‘ bezeichnet?

„Nein, so weit würde ich niemals gehen. Ich kann in meinen Romanen nur den Augenblick beschreiben, in dem das Opfer nichts anderes mehr spürt, in dem das Herz zu schlagen aufhört und es klinisch tot ist. Alles, was danach kommt, können wir nicht wissen, und wir können nicht in Bereiche vordringen, die sich unserer Vorstellung entziehen. Ich weiß, dass es Autoren gibt, die dies versuchen und ein Leben nach dem Tod und diese andere Sphäre der Realität beschreiben. Aber in einem Detektivroman kann ich nach dem Mord nur von dem erzählen, was der Tod für die Hinterbliebenen bedeutet und für diejenigen, die im Einflussbereich des Mordes stehen. Wir dürfen nicht vergessen, dass es sich bei dem Detektivroman um ein sehr rationales Genre handelt.“
„Ein makelloser Tod“ ist im verlag Droemer/Knaur erschienen

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