Literaturkalender 12


Für das Jahr 2012 haben sich Elisabeth Raabe und Regina Vitali das Leben von Schriftsteller-Paaren vorgenommen: Was sie füreinander tun oder sich antun war für die Umwelt immer schon großes Theater. Denn Literatenpaare leben Herzwand an –wand, meist mit dem Drama. Ein trauriges Beispiel dafür: Die unversöhnliche Lyrikerin Rose Ausländer, die ihrer großen Liebe Helios Hecht nicht verzeihen wollte, dass er ihre Gedichte „gegen ihren Willen“ veröffentlichte, ihn aber bis zu ihrem Lebensende mit neuen Gedichten versorgte. Als Hölle bezeichnete Elias Canetti die Ehe mit seiner Frau Veza, „den Teufel, den ich liebe“, mit der er trotz seiner Seitensprünge bis zu ihrem Tod zusammenblieben . Geliebt und gequält haben sich auch die schöne extravagante Zelda und ihr Schriftsteller-Mann F. Scott Fitzgerald, Autor des berühmten Romans „Der große Gatsby, in dem er vermutlich seine Frau portätierte und sogar Tagebuchpassagen von ihr verwendete . Die Liebe von Frau zu Frau war nicht weniger belastet von Eifersucht, Leidenschaft und Reue wie ein Brief von Vita Sackville-West beweist, den sie nach ihrem Liebesausflug mit Violet Trefusis an ihren Mann schrieb: „Nicht für eine Million Pfund möchte ich mit Violet wieder etwas zu tun haben …“ Als offen lesbisches Paar lebten die brilliante Schriftstellerin Djuna Barnes und ihre Lebensgefährtin, die Malerin Thelma Wood. Die beiden Frauen wechselten so oft zwischen männlichen und weiblichen Geliebten, dass sie ihre eigene Beziehung ruinierten und es zum Bruch kam, den Djuna nur durch Trinken und Schreiben ertrug.
Unglücklich in ihrer Ehe war Bettina von Arnim, die die meiste Zeit getrennt von ihrem Schriftsteller-Mann Achim von Arnim lebte der ländlich-bescheiden auf seinem Gut Tomaten züchtete. Sie schrieb ihm aus Berlin: „Mahn mich nicht mehr zur Sparsamkeit …“ und zählte auf, worauf sie alles verzichtet und wie sich das anfühlt „… lebe ich wie in der Bastille, nur mit mehr Sorgen und Unbequemlichkeit wie die Gefangenen.“
Die Voraussetzungen für das Zusammenleben von zwei literarisch aktiven Menschen beschreibt die Schriftstellerin Undine Gruenter, die mit dem Literaturwissenschaftler Karl-Heinz Bohrer verheiratet war: „ … sich dem anderen gegenüber einen Raum von Geheimnis … zu bewahren. … immer einen Raum zu haben, den man mit niemandem teilen kann.“ Vladimir Nabokov und seine Frau und Muse Vera blieben zusammen in schlechten „Wir waren zum Schreien arm …“ wie in guten Zeiten, – in Zimmern zur Untermiete in Deutschland, im Exil in den USA und zuletzt ohne existentielle Sorgen im Grandhotel Palace in Montreux.
Ernst Jandl und Friederike Mayröcker lebten zwar in getrennten Wohnungen, waren aber unzertrennbar. Ernst Jandl beschreibt seine Sorge um den Abschied für immer in seinem Gedicht „paar über 50“: „dass nur noch eines von beiden / eine weitere lebensphase wird haben müssen.“ Dashiell Hammett, Autor des „Malteser Falken“, und die Theaterautorin „Schnäuzchen“ Lillian Hellmann lebten 30 Jahre zusammen und waren beide mit anderen Partnern verheiratet. Muss ich noch mehr sagen über diesen wieder so gelungenen Arche-Kalenderschatz? Ja, vielleicht zum Abschied noch das, was James Joyce einsichtig über sich selbst geäußert hat „… es ist für eine Frau schwer, mit jemandem wie mir fertigzuwerden, „aber andererseits habe ich nicht die Absicht, mich zu ändern.“
Immer wieder spannend ist die Auswahl der Bildmotive und die dazugestellten, dem Thema treffend entsprechenden Zitate, die den Leser mit Informationen aus den Lebensphasen der Schriftsteller-Paare überraschen – weshalb er bis heute mein Lieblingskalender ist.
Arche Literatur Kalender 2012
Wandkalender PAARE
60 Blätter, 71 Fotos, farbig
Euro 19.90
www.arche-kalender-verlag.com

In diesem Kalender betreten verführerische und tragische Frauenfiguren aus Geschichte, Mythen und Kunst die Kalender-Bühne. Viele von ihnen sind für ihre Zeit ungewöhnlich selbständige Frauen, die früh mit gesellschaftlichen Konventionen gebrochen und sich allen Erwartungen an die Rolle der Frau widersetzt haben. Oft sind es Geschöpfe, die von Männern geschaffen wurden wie Nana aus dem Roman von Emile Zola und Anna Karenina, Tolstois leidenschaftliche Romanfigur, im Film dargestellt von Greta Garbo. Oder Vladimir Nabokovs Lolita, gespielt von Sue Lyon in der Verfilmung von Stanley Kubrick. Auf anderen Kalenderblättern finden sich berühmte Frauenfiguren auf von Gemälden oder Filmstills wie Carmen, Cleopatra, Undine und die Zauberin Circe, die Odysseus die Sinne verwirrte. Auch den unsterblichen Musen von Schriftstellern, Musikern und Malern begegnet der Betrachter: der Schriftstellerin und Herzensbrecherin George Sand, der vergötterten Sarah Bernhardt, die im Sarg ihre Rollen las und von Proust in seinem Zyklus ‘Auf der Suche nach der verlorenen Zeit’ als La Berma verewigt wurde. Eleonora Duse, vor der die Künstler reihenweise knieten, Romy Schneider als junge Amateurprostituierte in dem Fellini-Film Boccaccio 70. Jedes Kalenderblatt regt an, sich weiter mit dem Leben der vorgestellten Frauen zu beschäftigen. Eines ist Anais Nin gewidmet, der Geliebten von Henry Miller, die in einem ihrer berühmten Tagebücher schrieb: „Jede Handlung, die etwas mit dem Schreiben zu tun hatte, war zugleich ein Akt der Verführung …“ Ausprobieren?!
Der Literarische Frauenkalender
Vorsicht – gefährlich verführerisch
Wochenkalender mit Spiralbindung
56 Seiten – 24 x 32 cm – Euro 22
www.edition-ebersbach.de

Das Gedicht zum Jahresanfang, der zweiten Woche im Januar, ist von Rudolf Peyer, der in der Jahreszeit von Kälte und Dunkelheit mit der Aufforderung tröstet: Mit ungeschriebenen Gedichten / das Gehör schärfen / für Lerchenlieder / im Winter.
Vom Postkarten-Gedichtkalender „Fliegende Wörter“ aus dem Daedalus Verlag kann ich nicht genug bekommen. Jetzt im 18. Jahrgang, überrascht er seine Liebhaber mit einer gelungenen Kombination aus gestalteter Lyrik, in der Verse durch Farben und Schriftbild zu kühner Grafik wird und ihre Bedeutung unterstützt. Hier Beispiele, die mich beim Durchblättern besonders angesprochen haben: Die Bitte von Said in seinem „Psalm“: Hilf mir / aus meiner Klage ein Lied zu mache. Das Geständnis von Peter Hacks der zwischen Liebe und Einsamkeit beim Schreiben hin- und hergerissen ist „Ich kann ohne Liebe nicht bleiben / Ich bin so ungern allein / Ich kann auch nicht weniger schreiben / es fällt mir zu vieles ein“. Ernst Jandl, der beginnt: Wenn fünf / Gedichte / Pro Tag / Schreiben / Ich will … und mit einer selbstkritischen Feststellung endet. Von Ralf Rothmanns Gedicht „Nach dem Gelag“ ist es nur die eine ich Frag’, die ich verrat’: Wer legt sich schlafen in welchem Verlag? Und natürlich Anne Boland mit ihrem Wortwechsel: / Ich biete Ihnen / Die einmalige Gelegenheit / Ihre Worte einzutauschen. Darauf ihr Angebot, das mit der Aufforderung endet: Greifen Sie zum Stift / Tauschen Sie ein Wort.
Genug der Fragmente – Lesen Sie lieber selbst im kommenden Jahr alle 53 Postkartenlyrikmitteilungen, für jede Woche eine, und wenn Sie mit einem Gedicht eine Botschaft vermitteln möchten, dafür ist er ja gemacht, der Lyrikpostkartenkalender. Übrigens ist er ganz bescheiden mit seinem Anspruch an Wandfläche.
Fliegende Wörter 2012
53 Qualitätsgedichte zum Verschreiben und Verbleiben
Herausgeberinnen: Andrea Grewe, Hiltrud Herbst und Doris Mendlewitsch
Spiralbindung, 56 Blatt, 4-farbig, 16×18 cm – Eur 15.90
Daedalus Verlag Münster, jherbst@daedalusbuch.de

Wie verschieden können Gentlemen sein? Die Solitäre unter den Männern sind ein Glück für die Frauen, eine Freude für ihre Mitmenschen und von unschätzbarem Wert für ihre Freunde. Hemingway hätte vielleicht auch gern zu ihnen gehört, jedenfalls fragte er den Schriftsteller Ford Maddox Ford einmal: „Bin ich ein Gentleman?“ „Bestimmt nicht.“ meinte der. Als Gentleman-Adeliger Don Fabrizio, Fürst von Lampedusa tritt Burt Lancaster im Film „Der Leopard“ auf – der Insel, die heute wegen ihres Lager für Bootsflüchtling aus Afrika – bekannt ist. Mr Darcy, Hauptfigur aus „Stolz und Vorurteil“ von Jane Austen wird verkannt als Snob und ist in Wahrheit ein echter Gentleman. Es gibt natürlich noch etliche andere Gentlemen in diesem Männer-Kalender, aber Sean Connery, der erste und beste James Bond-Darsteller, ist der Einzige, der zum Sexiest Man of the Century gewählt wurde.

Von den Hochstaplern ist sicherlich der berühmteste deutsche Felix Krull, aus dem Roman „Bekenntnissen des Felix Krull“ von Thomas Mann, verkörpert von Horst Buchholz im gleichnamigen Film. Dass ausgerechnet der vielgelesene Abenteuer-Schriftsteller Karl May ein literarischer Hochstapler war, habe ich erst nach meiner Winnetou-Zeit erfahren als ich bereits alt genug war, um seine Produktivität und seine Fantasie zu bewundern. Sein Porträt auf dem Kalenderblatt zeigt ihn gutaussehend männlich und keineswegs von den 8 Jahren Zuchthaus gezeichnet, in denen seine aufregenden Bücher entstanden. Neu waren mir die Zweifel an Carlos Castanedas Werken, die er als Kultautor einer ganzen Serie von indianisch geprägten Bewußtseinslehren veröffentlichte. Immerhin hat er mit seinen angeblich selbsterlebten Lehrjahren bei einem Schamanen erfolgreich promoviert. Porträtiert werden auch der legendäre Zauberer und Hellseher Erik Jan Hanussen, ebenso wie der russische Heiler und Hypnotiseur Rasputin.
Als verwegener Revolverheld wird Kirk Douglas in einer Szene aus Gunfight at the O.K. Corral gezeigt, auf einem anderen Kalenderblatt im Porträt Admiral Lord Nelson, der einen Arm und ein Auge verlor, aber die Liebe der Lady Hamilton behielt. Und der betörende Flynn, der mit 50 Jahren starb nachdem ihm von seinem verschwenderischen Lebensstil nur noch ein Boot und eine 17jährige Geliebte geblieben waren. Fehlen darf auch nicht als Pokerheld und Wettbetrüger Paul Newman mit einem Bild aus dem Film „Der Clou“. Aber bevor ich noch mehr von den Männern verrate, die in diesem Kalenderauf Bewunderer warten nur noch den einen, den auf der letzten Seite im Dezember 2012: Ganz jung noch wie wir ihn kaum je gesehen, erfahren wir wie er zu seinem Spitznamen The Duke gekommen ist und mit welcher persönlichen Einstellung zur Gerechtigkeit er die zahlreichen Filmrollen als „Guter“ unter den „Bösen“ so überzeugend gespielt hat.

Der Literarische Kalender Männer 2012
Thema:Draufgänger, Hochstapler & Gentlemen
Text- u. Bild: Hélène Jamin
Spiralbindung, 32,6 x 23,8 cm
Euro 22.-
edition ebersbach
www.edition-ebersbach.de