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„Als Schriftstellerin bewegt man sich immer nahe am Wahnsinn. Man konzentriert sich, und gleichzeitig verzettelt man sich völlig – man gibt dem Antagonisten ein Stück von sich, von den eigenen Gefühlen, der eigenen Intelligenz, ebenso wie den Figuren, die man mag.“
aus: Angela Schader „Schriftsteller leben nahe am Wahnsinn“, Neue Zürcher Zeitung 13.9.2017

Die 76jährige Modemacherin war auf der Priview-Veranstaltung von Zalando und Rednerin zum Thema „Bold“ auf der berliner Modemesse „Bread and Butter“. Mit ihr sprach Lisa Trautmann über den kreativen Prozess der Modegestaltung, bei dem sich Vivienne Westwood auch von Literatur inspirieren lässt:

„Meine Outfits müssen eine Geschichte haben und einen ganz bestimmten Charakter, der sie präsentiert und zum Leben erweckt. … Ausserdem hilft mir die Literatur dabei, Dinge auf die Quintessenz ihrer Aussage zu reduzieren. Ich analysiere alles so lange, bis ich das Gefühl habe, dass ich es durch und durch verstanden habe.“
„Wenn ich gestalte, ist es ein Prozess, der bis zum fertigen Teil in eine unbestimmte Richtung gehen kann. Ich habe vorab eine Idee, wohin ich gehen möchte, aber es kann am Ende alles komplett anders aussehen.“
aus: Neue Zürcher Zeitung vom 6.9.2017 – Lisa Trautmann: „Vivienne Westwood nimmt kein Blatt vor den Mund“

Angela Schader hat mit der indischen Schriftstellerin gesprochen, von der in diesem Jahr ihr neuer Roman „Das Ministerium des äussersten Glücks“ erscheint.

In welchem Verhältnis sehen Sie das Verfassen von Essays und das literarische Schreiben?

„Für mich ist es nicht so, dass Fiktion literarisches und ein politischer Essay nicht-literarisches Schreiben ist. Den Gedanken, dass Schriftsteller sich nicht in der Lebenswelt engagieren sollten oder dass Engagement nicht literarisch sei, finde ich vielmehr sehr gefährlich. Denn damit wird genau das infrage gestellt, was einst die Bedeutung von Literatur war. Aber natürlich existieren tiefgreifende Unterschiede zwischen den Genres. Für mich liegen sie zu allererst in der Art der Dringlichkeit. Essays schreibe ich unter dem Druck der Situation, in der ich das Gefühl habe, alles in meiner Macht stehende tun zu müssen, um die Perspektive zu ändern. Was ich schreibe, mag ein Geschehnis nicht verhindern, aber es kann die Art und Weise verändern, wie die Leute es betrachten. Wenn ich dagegen an einem Roman arbeite, besteht diese Dringlichkeit nicht. Es geht nicht unbedingt um Aktuelles, Zeitgebundenes, sondern um etwas Zeitloses.“
aus: Angela Schader „Schriftsteller leben nahe am Wahnsinn“ – Neue Zürcher Zeitung 13.9.2017

Das Werk des Filmemachers und Schriftstellers Alexander Kluge ist seit dem 15. September 2017 bis zum 7. Januar 2018 im Museum Folkwang in Essen zu sehen. Kolja Reichert hat den Künstler zu seiner Arbeit befragt und erfahren was ihn am Symbol der Spinne fasziniert:

„Arachne, die Spinne, war ehemals eine byzantinische Weberin, die in die Kleider ihrer Kunden die ganze Weltgeschichte einmalte und Ovid begeisterte. Deshalb hat die eifersüchtige Athene sie in eine Spinne verwandelt, um eine bessere Künstlerin auszuschalten. … Das ist mein Wappen, die Arachne. Es besagt, dass man auf die Kleider nicht Schrift setzt sondern Bilder.
Das würde meine Arbeit genau beschreiben. Diese Art von Fäden verfolgen. Texte verfolgen, etwas ausgraben. Heiner Müller hat einmal gesagt, das Poetische heißt Sammeln.
(…) Meinen Sie, das der Künstler, der etwas Neues schafft, im Rückblick eine Fußnote gewesen sein wird, eine Fiktion der Modern?
„Natürlich schafft man bei jeder Transkription etwas Neues. … Aber dieses Neue kann auch aus einem Fund entstehen. Nehmen Sie einen Zeitungsartikel in der Leipziger Boulevardpresse, da steht drin, dass ein Soldat seine Geliebte Marie gemordet hat, der Soldat heißt Woyzeck, und das greift Büchner auf und schreibt ein Stück. Alban Berg ist bis auf die Knochen erschüttert, als er das vorgelesen bekommt von Karl Kraus … Das führt dazu, dass er die Oper „Wozzeck“ schreibt. Jetzt frage ich Sie, wo ist hier die Avantgarde? Die ganze Konstellation ist dasjenige, was sich bewegt und was Fortschritte erzielt. Das halte ich für Kunst und die ist von sich aus vernetzt.
aus: Künstler sind Pilotfischchen, Frankfurter Allgemeine Zeitung 17.9.2017

„Storytelling ist meiner Meinung nach nicht Literatur. Gut recherchierte, oft emotionalisierende und belehrende Geschichten zu erzählen ist wichtig, sehr wichtig, besonders in unserer unübersichtlichen Zeit, aber Literatur ist etwas anderes. Sie geht tiefer, sie besitzt mehr Ambiguität, breitet die Dinge in einer Komplexität aus, der sie auch formal und sprachlich gerecht zu werden sucht.
Literatur ist nicht einfach ein Produkt, das sich herstellen lässt – sie passiert. Ihr wohnt die Kraft inne, das System zu sprengen. Das ist keine originelle Ansicht – aber wir Schriftsteller haben in den Zeiten der Kommunistischen Diktatur nur überlebt dank der Vision, dass unser Schreiben wichtig ist, trotz allem.“

(…) „Am Ende, so glaube ich, entscheidet das Ästhetische über die Substanz. Auch wenn es heute oft vergessen wird oder ignoriert wird, wir Schriftsteller müssen das Prinzip der Form hochhalten. Das ist auch eine Frage der Integrität.“
Der rumänisch-jüdische Schriftsteller Norman Manea erregte Aufsehen „wegen der Unkonventionalität seiner Erzählungen“. Seine Romane „Der schwarze Umschlag“ und sein autobiografischer Roman „Rückkehr des Hooligans“ wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet.
aus dem Interview, das Markus Bauer mit dem Schriftsteller führte: „Am Ende bin ich dankbar für das Exil“, Neue Zürcher Zeitung 7.2.2017

Der österreichische Schriftsteller Christoph Ransmayr „zählt zu den wichtigsten deutschsprachigen Autoren unserer Zeit“, schreibt Manfred Papst und hat ihn in einem ausführlichen Interview unter anderem gefragt:

Sprechen Sie gern über Ihre Arbeit?
… Was ich über meine Texte sagen kann, ist immer zweite, dritte oder vierte Wahl, denn wenn ich überhaupt jemals gut bin, also eins mit meinen Absichten, dann im Inneren einer Erzählung. Trete ich daraus hervor, bin ich selten dort, wo ich sein will. …
aus: Manfred Papst „Im Schatten jedes Weltwunders liegt ein Massengrab“ Neue Zürcher Zeitung 2.4.2017

Wir hatten Autoren dazu aufgerufen, ebenfalls über erste Schreibversuche zu berichten – und unser Postfach quoll fast über. Die drei glücklichen Empfänger eines der letzten drei Exemplare sind:

Geneviève Susemihl:
Am Anfang fühlen alle Figuren wie ich, in allen Figuren fand ich stet mich selbst wieder.

Jenny Wölk:
Mein erster Schreibversuch von einem Theaterstück (damals war ich 13 Jahre) ist immer noch mein meist gespieltes Stück, obwohl ich es einfach nur schrecklich unprofessionell finde.

Paola Reinhardt
Mein erster Versuch: Leider ein Erfolg, denn der WDR brachte mein Märchen „Die Sternenprinzessin“ als Hörspiel.
Danach kam lange, lange nichts, weil ich mich damals völlig überschätzte.

Vielen Dank an alle, die uns Ihre ersten Schreibversuche gesandt haben!

Glückwunsch an die drei Gewinner – bitte teilen Sie uns Ihre Postanschrift mit: autoren@autorenhaus.de

Am 12. August ist der wunderbare Singer-Songwriter und Guitarrist Mark Knopfler 69 Jahre alt geworden ohne Ermüdungserscheinungen, auch nicht beim Songschreiben. Nach so vielen Jahren on tour hat er sich die dazu nötige Sensibilität erhalten: Glückwunsch!

„Je älter ich werde, desto größer wird dieser Drang, neue Songs zu schreiben. Wer weiß, ob das nur daran liegt, das ich fürchte, mir könnte die Zeit davonlaufen, ich weiß es nicht. Das alles erfüllt mich jedenfalls mehr denn je – das Schreiben der Songs, die Studioarbeit, die Auftritte, ich genieße jeden Aspekt davon. Und ich hab so viele Songideen herumfliegen, das man fast schon aufpassen muss, wo man hintritt.“
aus: laut.de – bands

Die amerikanische Autorin mit Wurzeln in Kamerun hatte eigentlich „nie davon geträumt, Schriftstellerin zu werden“. Wie es dennoch dazu kam, dass sie ihren Roman „Das geträumte Land“ schrieb erklärte sie mit dem tiefen Eindruck, den das Buch einer berühmte Kollegin auf sie gemacht hatte:

„Nachdem ich das College abgeschlossen hatte, kam mir eines Tages Toni Morrisons Roman „Song of Solomon“ in die Hände. Das war, als hätte mich ein mächtiger Sturm mitgerissen, und sobald ich ihn fertiggelesen hatte, begann ich zu schreiben. Ich war einundzwanzig, ich dachte niemals daran, meine Arbeit zu publizieren, ich schrieb um des puren Vergnügens willen.“
aus dem Gespräch, das Angela Schade mit der Schriftstellerin führte „Der amerikanische Traum ist in Gefahr – Sie schrieb das Buch zur Stunde – und wusste es nicht“ Neue Zürcher Zeitung 11.4.2017

Ist das Schreiben schwere Arbeit für Sie?

„Nein, dieses Ringen ist ja auch ein grossartiges Vergnügen. Ich denke nie, dass das Schreiben von Romanen anstrengend ist. Anstrengend ist, wenn du nicht weiterkommst. Wenn du das nicht schaffst, was du willst. Das einzige Anstrengende ist, den Roman zu beenden. Alle Worte an den richtigen Platz zu bringen. Over and over again. Man ist so müde am Schluss.
Dieses Vollenden ist eine der Hauptleistungen, die man als Schriftsteller bringen muss, und dass man diese Arbeit gerade dann machen muss, wenn man am wenigsten dazu fähig ist, nämlich geistig schon völlig erschöpft, finde ich immer wieder ein bisschen pervers.“
Bernadette Conrad „Die Quellen von Literatur sind unsichtbar“ – Neue Zürcher Zeitung 19.12.2015

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