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Der englische Schriftsteller Ken Follet ist ein fleißiger Schreiber, gerade hat er wieder einen neuen Roman „Das Fundament der Ewigkeit“ veröffentlicht. Die Frage liegt nahe:

„Wie finden Sie Ihre Themen?“

„Wie die meisten Autoren halte ich ständig Ausschau nach Themen, und ich tue das sicherlich immer, wenn ich ein historisches Buch lese oder Romane anderer Autoren, wenn ich im Theater bin oder im Kino oder wenn ich Zeitungen oder Zeitschriften lese. Dann frage ich mich, ob das nicht vielleicht eine Story wäre. Manchmal, wenn ich den Roman eines anderes Autors lese, denke ich, ich wünschte das wäre mir eingefallen. Oder wenn er etwas geschrieben hat, das nicht so gut war, dass ich die Geschichte besser erzählt hätte. Ich glaube, dass Autoren alle oft denken, „Daraus könnte ich vielleicht etwas machen.“
Neue Zürcher Zeitung 25.11.2017

Im Gespräch mit Jonathan Franzen erfährt Sandra Kegel, was der Bestsellerautor als „Tragödie
meines Lebens“ empfindet, wovor ein Romancier sich hüten sollte und womit er sich quält, – bevor er einen Roman anfangen kann:
„Bevor ich loslege, muss ich vor allem sicher sein, dass ich alle wichtigen Elemente habe. Das bedeutet vor allem eins: streichen. Nein, nein, nein. Nicht gut genug, nicht gut genug, nicht gut genug. So sehen die ersten quälenden Monate aus – oder auch Jahre. Dann grüble ich sehr lange Zeit über Fragen wie: Wie bringe ich das zusammen? Wie beginne ich den Satz? Wie gestalte ich den Dialog? Wenn ich eine Idee hätte, wenn ich eine Figur hätte, dann würde ich ja loslegen. Aber gute Figuren zu finden ist das Schwierigste überhaupt, es kann Jahre dauern. Vor allem, weil ich mich nicht gerne wiederhole. Ich war neulich in Butte, Montana, um mir die großen Kupferminen dort anzuschauen. Da haben sie wirklich die ganze Erde abgetragen, da ist nichts mehr übrig außer einem toxischen See. So fühle ich mich manchmal. Ich hasse den Gedanken, aber zuweilen glaube ich, dass da nichts Neues übrig ist, worüber es sich zu schreiben lohnt.“
aus: „In zehn Jahren twittern nur noch Arme und Verrückte“ Gespräch mit Jonathan Franzen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 18.11.2017

„Jeder hat seine eigenen Gründe, warum er Schriftsteller wird. Über meine Veranlassung rede ich nicht gerne, weil ich meistens zu sehr bemüht bin, das, was mich antreibt, als etwas in sich Geschlossenes, Zusammenhängendes und Schlüssiges darzustellen. Einige Talente und Schwächen spielen in dem Ganzen aber zweifellos eine gewisse Rolle. An der Oberfläche ist bei mir ein ausgeprägtes Einzelgängertum festzustellen, ich bin ein Stubenhocker, verbunden mit dem keineswegs im Widerspruch dazu stehenden Wunsch, geliebt zu werden oder jedenfalls Aufmerksamkeit zu erhalten. Ich bin ein Mensch, der nicht zu Gefühlsausbrüchen neigt, einer, der keine übertrieben engen Bindungen eingeht, auch nicht mit bestimmten Wahrheiten. Die Welt bleibt mir immer ein wenig fremd, ich nehme sie nicht an im Sinne, daß ich sie umarmen will. Ich fühle mich ganz wohl als Außenstehender, als Randfigur – und so ist meine Anteilnahme meist nicht die eines Handelnden, sondern die eines Beobachtenden. Mein Schreiben hat viel mit diesem Beobachten zu tun, mit einem fortgesetzten, nicht nachlassenden Staunen, wie merkwürdig unsere Existenz ist. Es hat auch damit zu tun, daß diese Merkwürdigkeit, wenn man sie in Sprache überführt, nichts von ihrer Merkwürdigkeit verliert, aber zusätzlich an Bedeutung gewinnt.“

(…) „Die Frage, warum ich schreibe, habe ich mir gar nicht gestellt. Warum erschaffe ich mir eine neue und eigene Welt aus Wörtern, und inwiefern reagiere ich damit auf die reale Welt, die ich mit anderen Menschen teile? Die Erkenntnis, daß mein Erzählen eine Reaktion auf Unordnung ist, daß Schreiben eine besondere Art ist, Angst zu haben, sich zurückzuziehen und mit dem, womit man fertigwerden muß, umzugehen, lag jenseits meines Reflexionshorizontes, ebenso die Erkenntnis, daß ich mich an den Schreibtisch setze, weil ich das Bedürfnis habe, hinter dem Geschriebenen etwas zu finden, das nicht nur auf mich verweist, sondern auch auf die Zeit- und Lebensumstände, in die ich hineingeworfen bin und die sich mir nur ungenügend erschließen. Heute würde ich sagen, daß ich schreibend die Leerstellen meiner Existenz auffülle oder aufzufüllen versuche, deren Unvollständigkeit und deren Mängel, daß ich gegen jenes Nichts anschreibe, das sich unter anderem auch in der Schrecken einjagenden Kluft zeigt, die meinen Vater von den Gegenständen in seinem Haus trennt.
aus „Die Welt, an der ich schreibe“: Der schmale Grat, erschienen bei Sonderzahl, Wien
Von Arno Geiger bei dtv erschienen „Es geht uns gut“, „Selbstporträt mit Flusspferd“, „Alles über Sally“

Der Guardian hat aus Elmore Leonards „10 Rules of Writing“ die zehn Punkte von Jonathan Franzen zitiert:

1. Der Leser ist ein Freund, kein Gegner, kein Zuschauer
2. Fiktion, die den Autor nicht auf eine persönliche Reise in unbekannte oder beängstigende Gefilde schickt, lohnt die Mühe nicht. Es sei denn für Geld.
3. Verwende niemals das Wort „dann“ als Konjunktion – dafür haben wir „und“. Ein Autor, der auf zu viele „unds“ im Text mit dem Einsatz von „dann“ reagiert, ist entweder faul oder hat kein Gespür für die Satzmelodie.
4. Schreibe in der dritten Person, es sei denn eine erste Person drängt sich mit einer unverkennbaren Stimme nahezu auf.
5. Sobald Informationen frei zugänglich sind, wird eine umfangreiche Recherche für einen Roman nicht mehr geschätzt.
6. Die reinste Form autobiografischer Fiktion verlangt nach reiner Erfindung. Es gibt keine Story, die autobiografischer ist als Kafkas „Verwandlung“.
7. Man sieht mehr, wenn man still sitzt, als wenn man hinter den Dingen herjagt.
8. Es ist wenig wahrscheinlich, dass jemand einen guten Roman schreibt, der an seinem Arbeitsplatz Internet hat.
9. Interessante Verben sind selten besonders interessant.
10. Man muss erst lieben, ehe man unbarmherzig sein kann.

Übersetzung: Kerstin Winter

In seiner Wochenendkolumne für die Neue Zürcher Zeitung überrascht der erfolgreiche schweizer Buchautor und Mitgründer von getAbstract die Leser mit ungewöhnlichen Vorschlägen. In seinem Beitrag „Kunst des guten Lebens“ vom 19.8.2017 beschäftigt er sich damit, was man gegen zwanghafte Sorgengrübelei tun kann. Hier ein Vorschlag, der Autoren, die regelmäßig ein Tagebuch oder Notizbuch führen, nicht ganz fremd sein dürfte:

„Nehmen Sie ein Notizbuch und betiteln Sie es mit „Mein grosses Sorgenbuch“. Legen Sie eine fixe Zeit fest, während deren Sie sich Ihren Sorgen widmen wollen. Konkret: Reservieren Sie sich zehn Minuten pro Tag, in denen Sie alles notieren, was Sie beschäftigt – egal, wie berechtigt, idiotisch oder schwammig.
Haben Sie das erledigt, werden Sie für den Rest des Tages einigermassen sorglos sein. Ihr Hirn weiss jetzt: Die Sorgen sind protokolliert und werden nicht einfach ignoriert. Tun Sie dies jeden Tag, und schlagen Sie jeden Tag eine neue Seite auf. Was Ihnen dabei auffallen wird: Es ist immer das gleiche Dutzend Sorgen, das Sie quält. Am Wochenende lesen Sie dann alle Notizen der Woche durch. Stellen Sie sich die schlimmstmöglichen Konsequenzen vor, und zwingen Sie sich, darüber hinauszudenken. Sie werden feststellen, dass die meisten Sorgen damit verpuffen. Was übrig bleibt, sind echte Gefahren, die Sie dann anpacken müssen.“

„Als Schriftstellerin bewegt man sich immer nahe am Wahnsinn. Man konzentriert sich, und gleichzeitig verzettelt man sich völlig – man gibt dem Antagonisten ein Stück von sich, von den eigenen Gefühlen, der eigenen Intelligenz, ebenso wie den Figuren, die man mag.“
aus: Angela Schader „Schriftsteller leben nahe am Wahnsinn“, Neue Zürcher Zeitung 13.9.2017

Die 76jährige Modemacherin war auf der Priview-Veranstaltung von Zalando und Rednerin zum Thema „Bold“ auf der berliner Modemesse „Bread and Butter“. Mit ihr sprach Lisa Trautmann über den kreativen Prozess der Modegestaltung, bei dem sich Vivienne Westwood auch von Literatur inspirieren lässt:

„Meine Outfits müssen eine Geschichte haben und einen ganz bestimmten Charakter, der sie präsentiert und zum Leben erweckt. … Ausserdem hilft mir die Literatur dabei, Dinge auf die Quintessenz ihrer Aussage zu reduzieren. Ich analysiere alles so lange, bis ich das Gefühl habe, dass ich es durch und durch verstanden habe.“
„Wenn ich gestalte, ist es ein Prozess, der bis zum fertigen Teil in eine unbestimmte Richtung gehen kann. Ich habe vorab eine Idee, wohin ich gehen möchte, aber es kann am Ende alles komplett anders aussehen.“
aus: Neue Zürcher Zeitung vom 6.9.2017 – Lisa Trautmann: „Vivienne Westwood nimmt kein Blatt vor den Mund“

Angela Schader hat mit der indischen Schriftstellerin gesprochen, von der in diesem Jahr ihr neuer Roman „Das Ministerium des äussersten Glücks“ erscheint.

In welchem Verhältnis sehen Sie das Verfassen von Essays und das literarische Schreiben?

„Für mich ist es nicht so, dass Fiktion literarisches und ein politischer Essay nicht-literarisches Schreiben ist. Den Gedanken, dass Schriftsteller sich nicht in der Lebenswelt engagieren sollten oder dass Engagement nicht literarisch sei, finde ich vielmehr sehr gefährlich. Denn damit wird genau das infrage gestellt, was einst die Bedeutung von Literatur war. Aber natürlich existieren tiefgreifende Unterschiede zwischen den Genres. Für mich liegen sie zu allererst in der Art der Dringlichkeit. Essays schreibe ich unter dem Druck der Situation, in der ich das Gefühl habe, alles in meiner Macht stehende tun zu müssen, um die Perspektive zu ändern. Was ich schreibe, mag ein Geschehnis nicht verhindern, aber es kann die Art und Weise verändern, wie die Leute es betrachten. Wenn ich dagegen an einem Roman arbeite, besteht diese Dringlichkeit nicht. Es geht nicht unbedingt um Aktuelles, Zeitgebundenes, sondern um etwas Zeitloses.“
aus: Angela Schader „Schriftsteller leben nahe am Wahnsinn“ – Neue Zürcher Zeitung 13.9.2017

Das Werk des Filmemachers und Schriftstellers Alexander Kluge ist seit dem 15. September 2017 bis zum 7. Januar 2018 im Museum Folkwang in Essen zu sehen. Kolja Reichert hat den Künstler zu seiner Arbeit befragt und erfahren was ihn am Symbol der Spinne fasziniert:

„Arachne, die Spinne, war ehemals eine byzantinische Weberin, die in die Kleider ihrer Kunden die ganze Weltgeschichte einmalte und Ovid begeisterte. Deshalb hat die eifersüchtige Athene sie in eine Spinne verwandelt, um eine bessere Künstlerin auszuschalten. … Das ist mein Wappen, die Arachne. Es besagt, dass man auf die Kleider nicht Schrift setzt sondern Bilder.
Das würde meine Arbeit genau beschreiben. Diese Art von Fäden verfolgen. Texte verfolgen, etwas ausgraben. Heiner Müller hat einmal gesagt, das Poetische heißt Sammeln.
(…) Meinen Sie, das der Künstler, der etwas Neues schafft, im Rückblick eine Fußnote gewesen sein wird, eine Fiktion der Modern?
„Natürlich schafft man bei jeder Transkription etwas Neues. … Aber dieses Neue kann auch aus einem Fund entstehen. Nehmen Sie einen Zeitungsartikel in der Leipziger Boulevardpresse, da steht drin, dass ein Soldat seine Geliebte Marie gemordet hat, der Soldat heißt Woyzeck, und das greift Büchner auf und schreibt ein Stück. Alban Berg ist bis auf die Knochen erschüttert, als er das vorgelesen bekommt von Karl Kraus … Das führt dazu, dass er die Oper „Wozzeck“ schreibt. Jetzt frage ich Sie, wo ist hier die Avantgarde? Die ganze Konstellation ist dasjenige, was sich bewegt und was Fortschritte erzielt. Das halte ich für Kunst und die ist von sich aus vernetzt.
aus: Künstler sind Pilotfischchen, Frankfurter Allgemeine Zeitung 17.9.2017

„Storytelling ist meiner Meinung nach nicht Literatur. Gut recherchierte, oft emotionalisierende und belehrende Geschichten zu erzählen ist wichtig, sehr wichtig, besonders in unserer unübersichtlichen Zeit, aber Literatur ist etwas anderes. Sie geht tiefer, sie besitzt mehr Ambiguität, breitet die Dinge in einer Komplexität aus, der sie auch formal und sprachlich gerecht zu werden sucht.
Literatur ist nicht einfach ein Produkt, das sich herstellen lässt – sie passiert. Ihr wohnt die Kraft inne, das System zu sprengen. Das ist keine originelle Ansicht – aber wir Schriftsteller haben in den Zeiten der Kommunistischen Diktatur nur überlebt dank der Vision, dass unser Schreiben wichtig ist, trotz allem.“

(…) „Am Ende, so glaube ich, entscheidet das Ästhetische über die Substanz. Auch wenn es heute oft vergessen wird oder ignoriert wird, wir Schriftsteller müssen das Prinzip der Form hochhalten. Das ist auch eine Frage der Integrität.“
Der rumänisch-jüdische Schriftsteller Norman Manea erregte Aufsehen „wegen der Unkonventionalität seiner Erzählungen“. Seine Romane „Der schwarze Umschlag“ und sein autobiografischer Roman „Rückkehr des Hooligans“ wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet.
aus dem Interview, das Markus Bauer mit dem Schriftsteller führte: „Am Ende bin ich dankbar für das Exil“, Neue Zürcher Zeitung 7.2.2017

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