„Jeder hat seine eigenen Gründe, warum er Schriftsteller wird. Über meine Veranlassung rede ich nicht gerne, weil ich meistens zu sehr bemüht bin, das, was mich antreibt, als etwas in sich Geschlossenes, Zusammenhängendes und Schlüssiges darzustellen. Einige Talente und Schwächen spielen in dem Ganzen aber zweifellos eine gewisse Rolle. An der Oberfläche ist bei mir ein ausgeprägtes Einzelgängertum festzustellen, ich bin ein Stubenhocker, verbunden mit dem keineswegs im Widerspruch dazu stehenden Wunsch, geliebt zu werden oder jedenfalls Aufmerksamkeit zu erhalten. Ich bin ein Mensch, der nicht zu Gefühlsausbrüchen neigt, einer, der keine übertrieben engen Bindungen eingeht, auch nicht mit bestimmten Wahrheiten. Die Welt bleibt mir immer ein wenig fremd, ich nehme sie nicht an im Sinne, daß ich sie umarmen will. Ich fühle mich ganz wohl als Außenstehender, als Randfigur – und so ist meine Anteilnahme meist nicht die eines Handelnden, sondern die eines Beobachtenden. Mein Schreiben hat viel mit diesem Beobachten zu tun, mit einem fortgesetzten, nicht nachlassenden Staunen, wie merkwürdig unsere Existenz ist. Es hat auch damit zu tun, daß diese Merkwürdigkeit, wenn man sie in Sprache überführt, nichts von ihrer Merkwürdigkeit verliert, aber zusätzlich an Bedeutung gewinnt.“

(…) „Die Frage, warum ich schreibe, habe ich mir gar nicht gestellt. Warum erschaffe ich mir eine neue und eigene Welt aus Wörtern, und inwiefern reagiere ich damit auf die reale Welt, die ich mit anderen Menschen teile? Die Erkenntnis, daß mein Erzählen eine Reaktion auf Unordnung ist, daß Schreiben eine besondere Art ist, Angst zu haben, sich zurückzuziehen und mit dem, womit man fertigwerden muß, umzugehen, lag jenseits meines Reflexionshorizontes, ebenso die Erkenntnis, daß ich mich an den Schreibtisch setze, weil ich das Bedürfnis habe, hinter dem Geschriebenen etwas zu finden, das nicht nur auf mich verweist, sondern auch auf die Zeit- und Lebensumstände, in die ich hineingeworfen bin und die sich mir nur ungenügend erschließen. Heute würde ich sagen, daß ich schreibend die Leerstellen meiner Existenz auffülle oder aufzufüllen versuche, deren Unvollständigkeit und deren Mängel, daß ich gegen jenes Nichts anschreibe, das sich unter anderem auch in der Schrecken einjagenden Kluft zeigt, die meinen Vater von den Gegenständen in seinem Haus trennt.
aus „Die Welt, an der ich schreibe“: Der schmale Grat, erschienen bei Sonderzahl, Wien
Von Arno Geiger bei dtv erschienen „Es geht uns gut“, „Selbstporträt mit Flusspferd“, „Alles über Sally“