Das Werk des Filmemachers und Schriftstellers Alexander Kluge ist seit dem 15. September 2017 bis zum 7. Januar 2018 im Museum Folkwang in Essen zu sehen. Kolja Reichert hat den Künstler zu seiner Arbeit befragt und erfahren was ihn am Symbol der Spinne fasziniert:

„Arachne, die Spinne, war ehemals eine byzantinische Weberin, die in die Kleider ihrer Kunden die ganze Weltgeschichte einmalte und Ovid begeisterte. Deshalb hat die eifersüchtige Athene sie in eine Spinne verwandelt, um eine bessere Künstlerin auszuschalten. … Das ist mein Wappen, die Arachne. Es besagt, dass man auf die Kleider nicht Schrift setzt sondern Bilder.
Das würde meine Arbeit genau beschreiben. Diese Art von Fäden verfolgen. Texte verfolgen, etwas ausgraben. Heiner Müller hat einmal gesagt, das Poetische heißt Sammeln.
(…) Meinen Sie, das der Künstler, der etwas Neues schafft, im Rückblick eine Fußnote gewesen sein wird, eine Fiktion der Modern?
„Natürlich schafft man bei jeder Transkription etwas Neues. … Aber dieses Neue kann auch aus einem Fund entstehen. Nehmen Sie einen Zeitungsartikel in der Leipziger Boulevardpresse, da steht drin, dass ein Soldat seine Geliebte Marie gemordet hat, der Soldat heißt Woyzeck, und das greift Büchner auf und schreibt ein Stück. Alban Berg ist bis auf die Knochen erschüttert, als er das vorgelesen bekommt von Karl Kraus … Das führt dazu, dass er die Oper „Wozzeck“ schreibt. Jetzt frage ich Sie, wo ist hier die Avantgarde? Die ganze Konstellation ist dasjenige, was sich bewegt und was Fortschritte erzielt. Das halte ich für Kunst und die ist von sich aus vernetzt.
aus: Künstler sind Pilotfischchen, Frankfurter Allgemeine Zeitung 17.9.2017