„Wie viel von dem, was ein Romancier verarbeitet, muss er aus eigener Anschauung kennen?“ hat Sandra Kegel den Prix Goncourt Preisträger gefragt. Wie viel Phantasie und wie viel eigenes Erleben enthält das Werk eines Schriftstellers, fragen die Leser. Jerome Ferrari dazu:

„Ich habe nichts gegen Autofiktion, aber ich selbst möchte lieber nicht über reale Ereignisse meines Lebens schreiben, um andere daran teilhaben zu lassen. Auch wenn es durchaus autobiografische Aspekte etwa in der ‚Predigt auf den Untergang Roms‘ gibt, will ich nicht, dass Matthieu als mein altger ego betrachtet wird. Das ist er nicht. Deshalb muss ich eine Figur wie ihn, der gewisse Erfahrungen mit mir teilt, gleichzeitig von mir entfremden. Ich schicke ihn ins Unbekannte, und daraus entsteht dann etwas Neues. Damit habe ich mich in dem Roman ‚Meine Seele ließ ich zurück‘ länger beschäftigt. Denn er spielt während des Algerien-Krieges, wovon ich naturgemäß keine eigene Erfahrung habe. Im Roman begegnen sich in einem französischen Gefängnis in Algerien ein Folterer und sein Opfer. Beim Schreiben stellte ich bald fest, dass ich mich zwar in die Rolle des Folterers hineinversetzen konnte. Irgendwo haben wir alle obskure Bereiche unseres Seins, über die wir so etwas erfahrbar machen können. Umgekehrt aber war mir irgendwann klar, dass ich mich niemals in die Figur des Opfers hineinversetzen konnte. Weil das jenseits der Vorstellungskraft liegt. Man kann menschliches Elend in diesem Ausmaß theoretisch beschreiben, aber literarisch lässt sich das kaum erfahrbar machen.“
Sandra Kegel hat mit dem Autor über sein Buch ‚Predigt auf den Untergang Roms: Roman‘ gesprochen
Frankfurter Allgemeine Zeitung 11.5.2013: „Eine Bar in Korsika ist ideal für den Roman“, erschienen im Secession Verlag für Literatur