Einen ironisch-witzigen Literaturkalender, in dem Illustration und Text gelungen miteinander verbunden sind, beschert wieder der Diogenes Verlag. Sind wir im Januar womöglich in der persönlichen Bibliothek des ‚objektiven’ Zeichners Jean Jacques Sempé, der seinen Protagonisten am Schreibtisch denken läßt: „Habe die ersten Kapitel meines Essays Über die Objektivität wiedergelesen. Wirklich glänzend!“ Ebenfalls im Januar gibt Anton Cechow Auskunft darüber, was seine sieben (plus zwei) ‚Allerheiligsten’ Vorbilder wären, – wenn er „ein großer Künstler“ wäre. John Irving sitzt an seiner roten Kugelkopfmaschine und verrät seinen Lesern: „Es ist Schwerstarbeit, leicht lesbare Bücher zu machen.“ Auf einem anderen Kalenderblatt erklärt Victor Auburtin in seinem Text „Der Dichter und der Literat“ welche professionellen Schwierigkeiten ein Kritiker mit einem Autor hat, der gut schreibt.
Paul Flora verschenkt auf einer ganzen Seite Buchstaben, die wie Blumen von einem Sammler gepflückt werden.
F.K. Waechter verkehrt die Interessen, indem er die Mutter zum Sohn schickt, „Lass doch die Bücher …“ um ihn aus der Bibliothek zum Fußballspielen zu locken.
Und im Auszug aus W. Somerset Maughams „Der Büchersack“ wird zitiert: „…geben wir zu, dass das Lesen nur ein Betäubungsmittel ist…“
Im Juni beklagt Otto Jägersberg, dass herzlose Verleger keine Bücher machen, die zum Einschlafen anregen und Nikolaus Heidelbach beleuchtet die Szene des Schlaflosen mit seiner Bücherleselampe.
Der geniale amerikanische Illustrator Edward Gorey steuert für den September ein hinreißendes Lesepanorama mit wohlgenährten marmalade cats bei, begleitet von Niklaus Meienbergs Gedicht, in dem er aufzählt, was er alles in seinem Haus haben muss, weil er „ohne … nicht zu leben bereit“ ist.

Da der Wintermonat November eine gute Zeit zum Schreiben ist, denkt auch Schriftsteller Melf wieder daran einen „netten Roman“ zu schreiben, denn: „Am 18. November jeden zweiten Jahres „schlägt die Stunde des Romans“. Auch dann, wenn er „für keinen Titel einen Stoff hat“. Daraus ist dann sogar ein eigenes Büchlein entstanden. Illustration und Geschichte hat Autor und Zeichner Edward Gorey gestaltet, sie gehört seit vielen Jahren zu meinen Lieblingsbüchern. Für jeden, der schreibt oder schreiben möchte ein Fest der Ironie.

Gibt es für Schriftsteller etwas zu klagen, dann gehört Platzmangel oft mit zu den Beschwerden, sogar bei Friedrich Dürrenmatt, der zum Ende des Jahres 2013 feststellt: „der große Schreibtisch ist immer zu klein.“

Das letzte Wort hat Karl Kraus, der mit seiner Frage: „Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen?“ das alte Jahr beendet und das neue beginnt. Aber mit dieser Frage könnten wir eigentlich jedes Jahr beginnen.

Diogenes