Kritiker sind sich oft nicht einig und eitel und wortsüchtig sind sie ebenso wie jeder sterbliche Autor auch. Etliche erlauben allein dem von Natur begabten Schreibgenie eine Daseinsberechtigung: Der wahre Schriftsteller muss „es“ in sich tragen, das Handwerk des Schreibens beherrscht er intuitiv – oder nicht. Auf der einen Seite belächelt man gern veröffentlichte Erstautoren, die von den großen Schreibschulen Hildesheim und Leipzig kommen. Auf der anderen Seite wird man bösartig, wenn ein alter Schriftsteller wie Martin Walser sich nicht rechtzeitig selbst pensioniert: „… man möchte ihm das Beispiel seines norddeutschen Kollegen Wilhelm Raabe vor Augen stellen. Der hat sich mit 70 selber in den Ruhestand geschickt.“ Über die großen Künstler der bildenden Kunst habe ich solche Bemerkung bisher nicht gehört – Picassos spätes Schaffen wurde allenfalls Alterswerk genannt. Vielleicht ging es Tilman Krause in der Literarischen Welt vom 8. September eher darum seine eigenen Metaphern zu verbreiten? Er schreibt in seiner Besprechung von Martin Walsers neuem Roman „Das dreizehnte Kapitel“ gleich im ersten Absatz: „Der Volkswagen unter den deutschen Schriftstellern sondert Jahr für Jahr, seit über einem halben Jahrhundert mittlerweile, seine Meterware vom Band ab. . . . Der Motor muss am Laufen gehalten werden, die Automatik darf nicht einrasten. Was zählt ist das literarische Geräusch. Eine Art betriebliches Dauerrauschen.“

Merken Sie auf, liebe Autoren, was von Schriftstellern demnach erwartet wird: Sie sollen nicht jedes Jahr ein neues Buch schreiben und nicht alt werden! Vielleicht ist es aber auch besser, bestimmte Rezensenten nicht mehr so ernst zu nehmen. Wer Die Welt liest, wird wohl nicht die SZ oder die FAZ lesen, leider: Denn in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom selben Tag schreibt Jan Wiele „. . . dass hier aus dem Nichts, allein durch die Kraft der Worte, eine menschliche Beziehung ins Leben gehoben wird, die das Wunder der Liebe in Gedanken verwirklicht.“ Christopher Schmidt urteilt in der Süddeutschen Zeitung vom 10. September: „Ein Meisterwerk der Schreib- und Empfindungskunst, ein Roman, der ‚ein Sachbuch der Seele‘ ist.“