„Als junger Schriftsteller erliegt man der Illusion, alles über sich selbst und die Dinge, über die man schreibt, zu wissen, aber während der Arbeit an einem Buch öffnet einem das Schreiben die Augen für andere, neue und unerwartete Dinge. Wenn dies nicht geschieht, ist das Buch, an dem man sitzt, vermutlich tot. Kürzlich traf ich einen jungen Schriftsteller und hätte ihm gern ein wenig über das Schreiben erzählt, wußte aber nicht, wie ich das anstellen sollte. Was ich ihm gern gesagt hätte, war, dass man es beim Schreiben eines Buches schon nach kurzer Zeit mit zwei oder drei Büchern zu tun hat, weil man in jedem Augenblick eine Vielzahl von Dingen ausdrückt. Das ist für mich das Geheimnis des Schreibens, aber dies konnte ich dem jungen Mann nicht sagen. Ich hattge das Gefühl, er müsse aus eigener Kraft zu dieser Erkenntnis gelangen.“

aus: Warum Schreiben Sie keine Romane mehr, Sir Vidia? in der FAZ vom 21.5.2011 – Thomas David interviewt den Schriftsteller V.S. Naipaul anläßlich des Erscheinens seines dreißigsten Buches „Afrikanisches Maskenspiel“