In einem ganzseitigen Interview in der NZZ vom 12.3.2011 fragt der Publizist Thomas David den Schriftsteller John Le Carré:
Ist die Literatur ein geeignetes Medium, um unserer Gesellschaft die Geschichten über sich zu erzählen, die sie eigentlich nicht hören möchte?

( … ) „Das menschliche Mitgefühl kann nicht fortwährend in jeden Winkel der Erde ausströmen. Wir können nicht täglich mit den Obdachlosen in Pakistan weinen oder die Unschuldigen betrauern, die versehentlich von einer Drohne getötet wurden.
Die Fülle des Leids, das uns täglich vor Augen geführt wird, ist eine Art von Pornografie des Schmerzes, die keine Narben hinterlässt. Doch wenn man es schafft, dieses Leid zu spezifizieren und in eine einzelne Geschichte einzubinden, die stellvertretend für viele andere steht, kann man manchmal die Herzen der Menschen erreichen. In «Marionetten» und «Verräter wie wir» Zum Bei-
spiel habe ich mich etwas mit Folter beschäftigt, und aus meiner begrenzten Erfahrung mit Menschen, die Folter erleben mussten, weiss ich, dass sie Welten erlebt haben, die wir uns überhaupt nicht vorstellen können – Welten des Schmerzes, des Schreckens, der Erniedrigung, in denen jeder Sinn für die Wahrheit verloren geht und man nur noch Verzweiflung erlebt.
In beiden Romanen, in «Verräter wie wir» mit der Figur von Dimas Ehefrau Tamara, habe ich einem Menschen, der Folter erlebt hat, seine Würde zurückgegeben und ihn zu einem Aristokraten gemacht. Wir anderen müssten wiedergeboren werden, um zu der Klasse derjeniger zu gehören, die Folter überlebt haben – so klein und unzulänglich fühlt man sich angesichts des Leids, das sie erfahren haben. Man braucht nur eine einzige Geschichte, die den Leser durch das Labyrinth der
Wirklichkeit führt, die Geschichte weniger einzelner Opfer, um den Leser aufzurütteln.“

Perry, der Protagnist aus „Verräter wie wir“ stellt einem Spion, dem er begegnet, die Frage, die man vielleicht auch an einen Autor richten darf, dessen Werk unter dem Label ‚Spionageliteratur’ verkauft wird: „Die Arbeit. Verformt sie den Charakter? Beobachten Sie an sich – eine déformation professionelle?“

( … ) Für die falschen Dinge bewundert zu werden, liegt beinahe in der Natur der Kunst des Geschichtenerzählens, weil man als Autor versucht, die Subthemen, um die es einem geht, so organisch mit der äusseren Handlung zu verbinden, dass der Leser gar nicht merkt, weshalb er bestimmte Dinge fühlt. Ich selbst weiss genau, woher meine Bücher eigentlich kommen. Ich weiss, wann ich täusche und wann ich aufrichtig und aus dem Herzen schreibe.
Um von A nach C zu gelangen, braucht man B, und es gibt eine ganze Reihe von Tricks, auf die man bei der Konstruktion eines Romans zurückgreifen
muss. Nicht jede Entscheidung kann spontan getroffen werden. Aber ich weiss, dass meine Romane im Grunde aus meinem Herzen kommen, nicht aus der kalkulierten Überlegung. Für mich reicht dieses Wissen aus.

Verräter wie wir erschien 2010 im Ullstein Verlag