Felicitas von Lovenberg führte in der FAZ vom 2.10.2010 ein Interview mit dem bekannten jüdischen Schriftsteller und Autor, der in diesem Jahr mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels geehrt wurde:

Wie finden Sie die Charaktere für Ihre Bücher? Ist es mit jedem Buch anders?

„Ja, es ist anders mit jedem Buch, mit jeder Figur. Es beginnt damit, dass ich die Figur vor mir sehen muss. Manchmal stecke ich monatelang fest, weil ich nicht weiß, wie jemand, über den ich schreibe, aussieht. Ich erinnere mich zum Beispiel an „Wohin du mich führst“ …
Ich hatte also diese Figur, das Mädchen Tamar, aber ich wusste nicht, wie sie aussah. Eines Tages sah ich dann in einem Computerladen ein Mädchen in einer Latzhose. Ich sah sie nur von der Seite, ihre Kinnlinie und ihr Haar. Sie hatte etwas sehr Empfindliches und zugleich Toughes. Ich bin regelrecht aus dem Laden gestürmt; ich wußte einfach, das ist Tamar. Da konnte ich das Buch endlich schreiben. Jede Figur beginnt für mich mit dem Körper, und dann wächst sie langsam. Wenn ich schreibe bin ich schamlos wie ein Taschendieb, ich benutze alles. Fast jeder Satz, den ich höre, ob im Radio, von meiner Frau oder aus der Zeitung, wird mögliches Material – dies ist etwas für die Figur Ora, dies ist für Avram, das könnte Ora in ihr Notizbuch schreiben, dies von einer Freundin hören … Ich liebe diesen Zustand, weil er die Welt verdoppelt.“

2009 erschien von David Grossmann der berührende Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“
im Hanser Verlag