erzählt Thomas Hürlimann (Fräulein Stark, Vierzig Rosen, Das Gartenhaus), wurde er bereits im zarten Alter von 14 Jahren als Klosterschüler:

… “Subpräfekt Tapir erhielt vom Rektor den Auftrag, unsere Klasse zu einem Stundenaufsatz ins Freie zu führen, auf einen Hügel hinter dem Kloster, wo wir, wie der Ersatzlehrer an Ort und Stelle verkündete, eine Baumgruppe beschreiben sollten. Glücklich, der kalten Steinwelt des Klosters entronnen zu sein, legte ich los. Durch die Blätter lichterte die Sonne, milder Dunst lag überm Land, und es fiel mir leicht, die sieben Linden als Naturkathedrale zu beschreiben, aus Luft und Licht gebaut, von uralten Stämme getragen. Nach einer Stunde sammelte Tapir die Hefte ein, und hieß uns Zöglinge ins Kloster zurückmarschieren. …

Während des abendlichen Studiums bestellte er mich in seine Zelle und fragte mich listig, wo ich meinen Text abgeschrieben hätte. Vorsichtig wies ich den begnadeten Pädagogen darauf hin, er habe uns das Thema erst auf dem Hügel genannt, weshalb es mir gar nicht möglich gewesen wäre, zu einem Buch zu greifen, um mich mit fremden Federn zu schmücken. Tapir grinste meinen Einwand beiseite. Er blieb bei seiner Anschuldigung und als ich mich weiter weigerte, ein Geständnis abzulegen, wurde er handgreiflich. Ich mußte ihm die Innenflächen meiner Hände hinhalten, und während er laut und lauter fragte, wer der Dichter sei, dem ich die herrlichen Sätze gestohlen habe, hieb er mit einem vierkantigen Lineal auf mich ein. Die Handballen schwollen an, bald drohte die Haut zu platzen, er schrie, ich winselte, aber tapfer winselte ich die Wahrheit: Ich habe nicht abgeschrieben, Herr Subpräfekt, die Naturkathedrale stammt von mir.
So wurde ich mit einem Lineal zum Dichter geschagen, und wenn ich in späteren Jahren verissen wurde, dachte ich wehmütig: Wenn wir wirklich gut sind, wird es uns schmerzlich heimgezahlt.

Aus dem Beitrag “Der Ruf des Adlers – Wie ich Schriftsteller wurde” vom Autor über den Autor