Liebe Autorinnen und Autoren,

wenn ich mir vorstelle, wie man ein „Schreibwerk“ beginnen könnte, fallen mir so schöne Wörter ein wie: Meer, Sand, Insel. Selten etwas so pragmatisches wie: ANFANGEN! „Der Schriftsteller muss Wind in die Segel kriegen, er braucht eine Glücksader, und er muss eine Phase erwischen, in der die Worte zu ihm kommen und sich die Sätze ausbalancieren.“ So hat es Robert Louis Stevenson (1850-1894) empfunden, der seine „Schatzinsel“ damit begann, dass er von ihr eine Karte zeichnete. Als er die Inselkarte anschließend betrachtete, entstanden vor seinen Augen Bilder von Wäldern, braune Gesichter, schimmernde Waffen, und schon wurde um den Schatz auf der Insel gekämpft. Dann schrieb er wie schon oft zuvor eine Liste von Kapiteln.
Nur dieses Mal war es anders, er machte sich frei von allem psychologischen und hochgestochenen Formulieren. Nachdem er 15 Kapitel geschrieben hatte, war sein „Mund leer“ geworden. Er war verzweifelt, weil er eine Familie hatte und es ihm nicht gelungen war, sie vom Schreiben zu ernähren. Er fuhr nach Davos, um dort eine Tuberkulose auszukurieren – und eines Morgens flossen ihm die Worte wieder aus der Feder. „Die Schatzinsel“ mit der legendären Karte ist auch heute noch ein beliebter Jugendbuchklassiker.

Natürlich gibt es Tricks, die helfen, die Furcht vor dem weißen Papier zu überwinden. Frederike Mayröcker wählt ein kleines Papierformat und möglichst kein weißes Blatt, weil sie das Gefühl hat, dass beide von ihr fordern, vollgeshrieben zu werden. Sibylle Berg weiss „am Anfang schon recht genau, wie die Geschichten enden. Nicht haargenau die Worte, aber ich habe, ehe ich zu schreiben beginne, eine klare Vorstellung von dem Gefühl, das ich vermitteln will.“

Und für Donna Leon stehen am Anfang „die erste Szene – einmal im Allegro vivace, einmal im Adagio assai – und eine brennende Frage, ein gesellschaftsrelevantes Thema. Schlichte Eifersuchtsdramen würden mich langweilen, genauso wie platte Happy Ends. Wenn die erste Szene gefunden ist, zum Beispiel durch einen Zeitungsartikel, dann wächst der Text wie von selbst.“

Isabel Abedi, die Mystery-Jugendromane mit Thrillerelementen schreibt, läßt den Anfang ganz von einer Figur bestimmen: „Im Grunde entsteht meine Geschichte aus einer Figur … Mein Anfangsgedanke bei „Lucian“ war ein Junge, der Dinge träumt, die in der Zukunft wahr werden.“

Robert Hültner (Inspektor Kajetan-Serie und Tatort-Drehbücher) verrät, dass „gute Krimis von Menschen in Extremsituationen“ erzählen. Seine „zehn Gebote für Krimi-Autoren“ finden Sie im Jahrbuch für Autoren 2010/2011.
Neben andern Tipps und Empfehlungen enthält es einen Genre-Index und durch Fragebogen ermittelte Verlagsprogramme sowie Angaben zur Form der Manuskriptangebote, wie sie die verschiedenen Lektorate erwarten. Außerdem:
Hunderte weiterer Adressen aus dem Literaturbetrieb, redaktionelle Beiträge zum Buchmarkt unmd zum Schreiben und Veröffentlichen. Jahrbuch für Autoren, Autorinnen 2010/2011, Hardcover, 800 Seiten, 29,90 Euro versandkostenfrei:
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Im Tieger-Blog reduziert Charles Lewinsky einen komplizierten Ratschlagsatz auf eine schlichte Provokation und Deborah Eisenberg beschreibt, wie sie den „flüssigen Zustand“ erreicht.
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Mit herzlichen Grüßen
Ihre
Gerhild Tieger

Neuerscheinung: Wolf Magazin 1/2010 „Mit Wölfen leben“ www.edition-tieger.de