Liebe Autorinnen und Autoren:

„Alle besseren Schriftsteller sind unglücklich, warum sonst würden sie schreiben“, hat Golo Mann einmal gesagt. Ob er dabei auch an die Entscheidungen der unglücklichen Kollegen gedacht hat, die beim Schreiben ständig zwischen Wörtern wandern und wählen müssen, zwischen den nicht passenden, den beinahe treffenden und den vortrefflichen, die das eine Beiwort verstoßen müssen zugunsten des anderen?
Keine Chance, dass ihre Fehlentscheidung unentdeckt bleibt – nicht von den Kritikern und nicht von Zeitungslesern wie dem, der in seinem Brief an eine Tageszeitung darauf hinwies, dass „Technologie“ und „technologisch“ von den Redakteuren meist falsch gebraucht wird: „Technik“ oder „technisch“ würde doch genügen und sei sogar richtiger. Auch ich fühlte mich angesprochen, hatte ich nicht kürzlich von „technologischer Entwicklung“ gesprochen? Genügend verunsichert schlug ich das Buch eines Autors auf, der „vereinfachen, vereinfachen“ predigt und sich gegen übertriebenen Fachjargon wendet:

„Unsere Gesellschaft erstickt an überflüssigen Wörtern, zusammengestoppelten Sätzen, pompösem Geschnörkel und bedeutungslosem Fachjargon. Wer soll den Wortsalat noch verstehen, dem wir täglich in Geschäftsberichten, Briefen oder der Nachricht von der Bank begegnen? Welcher Versicherte kann aus dem Beiblatt, in dem die Police erläutert wird, schlau werden? Je aufgeblähter, desto bedeutungsvoller. Der Pilot, der verkündet, dass er momentan die Möglichkeit erheblicher Niederschläge nicht ausschließen kann, kommt schon gar nicht mehr auf die Idee zu sagen, dass es vielleicht regnen wird – ein solcher Satz wäre zu schlicht.“

William Zinsser spendet zweifelnden und ungeduldigen Autoren Trost: „Ein guter Text kommt nicht von selbst, auch wenn die Meisten das vielleicht glauben. Berufsschriftsteller werden ständig von Leuten belagert, die sagen: ‚Darüber könnte ich ein Buch schreiben.‘ Ich bezweifle das. Schreiben ist Knochenarbeit. Eindeutige, klare Sätze fallen uns nicht eben mal so ein. Und nur sehr wenige Sätze stehen gleich bei der ersten – oder dritten – Niederschrift richtig auf dem Papier. Denken Sie in verzweifelten Momenten daran: Wenn es Ihnen schwer fällt zu schreiben, dann liegt das daran, dass es schwer ist.“ Zinssers Buch wurde als „Standardwerk“ (Medium Magazin) und als „sehr renommiert“ (Buchkultur) gelobt:
W. Zinsser: Nonfiction schreiben, 217 Seiten, 14,90 Euro versandkostenfrei:
www.autorenhaus-verlag.de/43.70.0.0.1.0.phtml

Im Tieger-Blog erklärt die französische Schriftstellerin Marie Ndiaye die Vorzüge des Romanschreibens gegenüber dem Schreiben fürs Theater und Ralf Rothmann macht den Kunstwillen für den Überdruss an der Fiktion verantwortlich:
www.autorinnen.de

Mit herzlichen Grüßen
Ihre
Gerhild Tieger

Neuerscheinung: „Der Verlust eines Hundes“ von Elli H. Radinger:
www.edition-tieger.de

Leipziger Buchmesse vom 18. bis 21. März: Halle 2, G208.