“Zunächst glaube ich, dass die meisten Schriftsteller, sogar die besten, beim Schreiben zuviel hineinpacken. Ich selbst ziehe es vor, in dieser Hinsicht zu untertreiben. Schlicht und klar wie ein Gebirgsbach. Doch ich hatte das Gefühl, dass mein Stil zu schwerfällig wurde, dass ich drei Seiten brauchte, um die Wirkung zu erzielen, die ich mit einem einzigen Absatz hätte erreichen sollen. Immer wieder las ich alles durch, was ich geschrieben hatte, und mir kamen allmählich Zweifel (…). Ich las “Kaltblütig” noch einmal durch und machte dieselbe Erfahrung. Da wimmelte es von Stellen, an denen ich nicht so gut geschrieben hatte, wie ich es wirklich konnte, an denen ich nicht alles gegeben hatte, was mir zur Verfügung stand. Langsam, jedoch mit zunehmender Beunruhigung, las ich jedes Wort, das ich jemals veröffentlicht hatte, und kam zu der Einsicht, dass ich niemals in meinem ganzen Schriftstellerleben die volle Energie, den vollen ästhetischen Reiz des Materials komplett erschlossen hatte. Selbst wenn das Ergebnis gut war, erkannte ich, dass ich niemals mehr als die Hälfte, manchmal auch nur ein Drittel meines Talents eingesetzt hatte. Warum?”

Die ANTWORT nach Monaten des Nachdenkens war einfach, aber nicht sehr zufriedenstellend. Auf jeden Fall war sie nicht geeignet, mich aus meiner Depression zu entlassen; im Gegenteil, sie verschlimmerte sie noch.

Denn diese Antwort schuf ein scheinbar unlösbares Problem, und wenn ich das nicht lösen konnte, dann konnte ich auch gleich aufhören zu schreiben. Das Problem lautete: Wie kann ein Autor in einer einzigen literarischen Form – sagen wir, in einer Kurzgeschichte – alles vereinigen, was er über sämtliche anderen literarischen Formen weiß? Denn das war es, warum es meiner Arbeit häufig an Glanz mangelte; die elektrische Spannung war da, weil ich mich jedoch auf die Techniken derjenigen literarischen Form beschränkte, in der ich arbeitete, brachte ich nicht alles ein, was ich vom Schreiben verstand – alles, was ich aus Drehbüchern, Theaterstücken, Reportagen, Gedichten, Kurzgeschichten, Novellen und Romanen gelernt hatte.
zitat aus: “Erhörte Gebete”, Kein & Aber Verlag Zürich