„Ich habe keine Phantasie, ich habe ein schlechtes Gedächtnis. Ich schreibe mit Hilfe meiner Erinnerungen, aber da ich ein sehr schlechtes Gedächtnis habe, gebe ich beim Erzählen keine Tatsachen wieder, sondern eine verzerrte Darstellung dessen, was geschehen ist. (…)
Wer diese ganz besondere Art von Grausamkeit erdulden muss – ein schlechtes Gedächtnis -, für den ist die Vergangenheit fast genauso unwirklich wie die Zukunft. Blicke ich zurück und versuche mich an die Dinge zu erinnern, die ich erlebt habe, die Schritte, die mich hierher geführt haben, weiss ich niemals mit völliger Gewissheit, ob ich mich tatsächlich erinnere oder erfinde. Während wir die Dinge erleben, in der Zeit ‚dazwischen‘, die wir als Gegenwart bezeichnen – mit all dem zerstörerischen Gewicht, das die unmittelbare Wirklichkeit besitzt -, kommt uns alles banal und beständig und fest vor, wie ein Tisch oder ein Hocker; indes die Zeit vergeht, brechen jedoch die Beine dieses Hockers, oder sie gehen verloren, die Sitzfläche biegt sich durch, die Rückenlehne verzieht sich, die Armstützen werden von Termiten zerfressen, bis die Dinge zuletzt so unwirklich sind wie jener Gegenstand, den Lichtenberg einmal so wunderbar bestimmt hat: „Ein Messer ohne Klinge, an welchem der Stiel fehlt.“
Was ist das für ein Gegenstand? Ein Gegenstand, der nur in Wortgestalt existieren kann, etwas, was man nicht vorzeigen kann, was Sie jedoch mit Hilfe der Worte „Ein Messer ohne Klinge, an welchem der Stiel fehlt“ sehen können. Genau das ist fast immer die Vergangenheit, etwas, was nicht mehr da ist und wovon uns nur die Spur der Worte bleibt. Was bereits geschehen ist und was erst noch geschehen wird, über beides kann ich in meinem Kopf blosse Vermutungen anstellen. Die autobiografischen Berichte, aus denen meine Bücher bestehen, sind von genau dieser gemischten Beschaffenheit: entweder die geduldige Wiederherstellung – mit Hilfe von Indizien – einer Vergangenheit, die nicht mehr genau erinnert wird, oder das Erstaunen angesichts einer Zukunft, die Angst oder Sehnsucht hervorruft, womöglich aber niemals eintreten wird.“
von Héctor Abad erschien zuletzt ein buch über seinen ermordeten vater im Verlag Berenberg: Brief an einen Schatten. Eine Geschichte aus Kolumbien.