Eva Horn ist professorin für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Basel und hat über ihren forschungsschwerpunkt ein sachbuch geschrieben: über verschwörungen, verrat, spionage. Regula Freuler hat mir ihr gesprochen und gefragt:

Was haben fiktionale Werke fundiert recherchierten Sachbüchern über Spionagefälle voraus?

“Nur Fiktion kann die Dinge beim Namen nennen. Das sieht man exemplarisch bei Le Carré, nicht nur am Fall des britisch-sowjetischen Doppelagenten Kim Philby, den er im Roman “Dame, König, As, Spion” verarbeitete, sondern auch daran, wie er im Roman “Die Libelle” über Mossad-Aktionen schreibt. Le Carré hat offensichtlich noch lange nach seinem Ausscheiden aus dem Geheimdienst gute Kontakte gehabt und wurde mit Informationen versrogt.
Wenn Geheimdienstleute selber solche Dinge publik machen, würden sie sich strafbar machen. Wenn man dagegen einen Roman schreibt, kann man unter dem Deckmantel der Fiktion schreiben, was man will.
Bei Stanley Kubricks Film “Dr. Strangelove” hat der amerikanische Staat sogar verlangt, dass die Macher eine Fiktionalisierungsklausel voranstellen, so realitätsnah erschien das im Film entworfene Katastrophen-Szenario.
(…) Die Fiktion ist gerade deshalb eine scharfe Waffe, weil sie sich nicht auf eine ‘Wahrheit’
festlegt.”

Sie vertreten die These, dass gewisse fiktionale Werke einen bedeutenden Beitrag geleistet haben bei der Entwicklung der Geheimdienste. Wie muss man sich das vorstellen?
“Während das Militär und die Polizei noch Dienst nach Vorschrift machten, waren es die Romanautoren, die zum ersten Mal nicht nur die Notwendigkeit von Spionen sahen, sondern auch ein Bild davon entwarfen, was diese Spione können müssen. Gute Beispiele sind etwa Rudyard Kiplings Roman “Kim” (1901), in dem der Typus des Kolonialspions entworfen wird, und Erskine Childers’ Roman “Das Rätsel der Sandbank” (1903) für den britischen Marinegeheimdienst. “Kim” finde ich heute ungeheuer aktuell. Kipling beschreibt darin einen jungen Waisen, der in Indien im “Green Game” zwischen dem British Empire und dem russischen Reich eingesetzt wird. Was Kim auszeichnet, ist das, was das Empire damals Brauchte und was die Russen nicht hatten, nämlich kulturell versierte Figuren. (…) Heute bräuchten die Amerikaner im Irak solche Kims, um das Land und seine Bevölkerung zu verstehen.”

Verlag S. Fischer, tb: “Der geheime Krieg. Verrat, Spionage und moderne Fiktion”