Ich weiß, es klingt kitschig und nach Klischee – dem Klischee des „frühen Talents“: Ich begann als Grundschülerin Geschichten zu schreiben, gern auch Gedichte – in denen sich Haus auf Maus auf Nikolaus reimte. Nun ja.
Als ich zehn Jahre alt war, schrieb ich nach einem heftigen Sommergewitter ein Gedicht, beim dem sich „hören“ auf „Föhren“ reimte.
Gott sei Dank hatte ich Eltern, die mich ermutigten und nicht angesichts dieser Reimkünste mit dem Kopf schüttelten. Bald nach dem Föhren-Gedicht (ich weiß gar nicht, wie ich auf „Föhren“ kam – gibt es in Berlin, meiner Heimatstadt, Föhren?) fing ich an, Tagebuch zu schreiben. Ich schrieb wie der Teufel, das Tagebuch ersetzte mir zeitweise die beste Freundin, die nämlich, zu meinem Leidwesen, auf ein anderes Gymnasium als ich geschickt wurde. Meine Eltern wollten unbedingt, daß ich mit Latein als erster Fremdsprache beginne… also wurde ich von meiner besten Freundin getrennt, die, wie auch meine anderen Freundinnen, mit Englisch beginnen sollten. Ich vertraute mich meinem Tagebuch an. Jeden Tag schrieb ich viele Seiten. Nicht nur über den Kummer mit den Freundinnen, auch über meine Ängste vor dem Dritten Weltkrieg, der Ökokatastrophe… manches liest sich im Nachhinein überzogen, anderes (Ökokatastrophe) wiederum gar nicht. Ich malte auch in mein Tagebuch, gerne Peace-Zeichen, von denen Tränen rannen… oder Reagan mit Pershing-II-Raketen mit Totenkopfgesichtern … ganz im Stil der vorherrschenden Achtziger-Jahre-Ästhetik, die Drama, Pathos und Weltuntergang beschwor, nun ja. Jedenfalls war mir mein Tagebuch ein sehr enger Vertrauter – oder vielmehr eine enge Vertraute. Bis eines Tages mein Vater mit einem Tablett mit Tee und Kuchen bei mir im Zimmer stand. Das war ein sehr sehr ungewöhnliches Verhalten für ihn, er war als Kunsthistoriker und Direktor eines Berliner Museums
(Kupferstichkabinett) ein Workaholic, ständig auf Dienstreisen, mein Bruder und ich bekamen ihn selten zu Gesicht. Später hat es ihm wohl leid getan, so wenig Zeit für uns gehabt zu haben, später, als ich selber anfing zu arbeiten, hatte ich mehr Verständnis für ihn als als Kind. Jedenfalls war sein Verhalten – die angedeutete Teepause – sehr ungewöhnlich. „Was ist los?“ fragte ich erschrocken. Ich weiß es noch heute. „Es tut mir leid, Tanja, aber Deine Mutter und ich, wir haben Dein Tagebuch gelesen. Denn wir haben uns Sorgen um Dich gemacht, Du hast immer so bedrückt gewirkt…“ Das Gespräch, was diesem Auftakt folgte, war gut gemeint, auch wenn es mir natürlich weder meine Freundin herbeizaubern noch meine Ängste vor allen Übeln dieser Welt nehmen konnte – . Aber „gut gemeint“ ist eben nicht immer „gut“: Ich hatte nun auch noch mein Tagebuch als imaginäre Freundin verloren, die Vorstellung, daß andere – auch noch meine Eltern – es einfach heimlich von vorne bis hinten durchgelesen hatten, war mir ein Greuel – auch schämte ich mich für alle meine unausgegorenen Gedanken, Sorgen und Ängste, die ich darin zu Papier gebracht hatte. Ich habe seitdem nie wieder eine Zeile Tagebuch geschrieben. Das Ganze ist lange her, 28 Jahre. Lange Zeit war ich sehr wütend auf meine Eltern. Jetzt, viele Jahre später, denke ich: Wer weiß, wenn ich weiter so viel Tagebuch geschrieben hätte, wäre ich vielleicht nie Schriftstellerin geworden.
Denn nachdem es mit dem Tagebuch vorbei war, fing ich an, Texte zu schreiben, die andere auch heimlich lesen können würden.

Tanja Dückers, Sylt, im Januar 2010