Matthias Zehnder fragt den schriftsteller Franz Hohler, bekannt für seine kinderbücher, kurzgeschichten, theaterstücke und romane, anlässlich der veröffentlichung seines neusten bandes mit erzählungen:

Was bedeutet Ihnen die Fantasie?

„Ein lebenswichtiges Organ, das in ständiger Gefahr ist, zu verkümmern, nicht genug genährt zu werden. Ein Organ, das gerne der Kinderwelt zugeordnet wird. … Das Organ Fantasie ist gleich viel wert wie der Herz oder die Leber oder das Zwerchfell. Fantasie und Realität werden zu oft als Gegensätze angesehen. Die Fantasie hilft uns bei der Bewältigung der Realität.

… sie ist eine Alternative zur Realität, eine Art Zuflucht. Fantasie ist eine Fluchtburg vor dem Schreckenshorden des Alltags. Aber diese Fluchtburg ist auch eine Gegenkraft.

… Es geht darum, dass man sich mit seiner Fantasie Gegenwelten schaffen kann, wie es Rilke gemacht hat. … Nehmen Sie die Gedichtzeile „Herr es ist Zeit, der Sommer war sehr gross“. Diese Zeilen sind in den Alltag übernommen worden. Ganz zu schweigen von „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.“ Wenn man diesen Satz isoliert liest, hat er heute fast satirische Qualitäten. Aber wer fähig ist, sich wirklich zurückzuziehen in seine Welt und der Welt zu vertrauen, die er sieht, wenn er die Augen zumacht, der ist auch fähig, wieder auf die Welt einzuwirken mit Bildern, die er vielleicht selber nicht versteht. Plötzlich wird aus den Bildern ein Begriff, der den Alltag erweitert und damit das Sehvermögen der Menschen.“

der erzählband von Franz Hohler: „Das Ende eines ganz normalen Tages“ ist im Luchterhand Literaturverlag erschienen