hier ein ausschnitt von Josef Winklers dankesrede für den Büchnerpreis 2008:

” … als in meinem tausend Seiten langen Tagebuch die ersten Sätze zu meinem ersten Romanmanuskript entstanden, die es wert waren umformuliert oder zerstört zu werden, klebte ich die aus einer Kärtner Tageszeitung herausgeschnittenen und mit einer durchsichtigen Plastikfolie überklebten Bilder (…) der beiden erhängten 17-jährigen Buben aus meinem Heimatdorf, deren gemeinsamer Tod das ganze Land in Aufruhr versetzt hatte, auf meine Brust und schrieb, zwischen Klagenfurt und Venedig hin- und herpendelnd, mein erstes Romanmanuskript. Morgens, bevor ich ins Bad ging, löste ich die roten Gazestreifen mit den Bildnissen der beiden Erhängten von meiner Haut und klebvte sie später wieder, wenn beim Dunkelwerden das Lesen und Schreiben begann, über meinem Herzschlag auf die Brust. In dieser Zeit, in der ich Nacht für Nacht mit eigenen und fremden Sätzen Zeile für Zeile meinen Selbstmord aufschob, las ich vor allem Bücher von Dichtern, die früh gestorben waren oder die sich das Leben genommen hatten. “Dichten heißt, sich ermorden”, so Friedrich Hebbel.

(…)Wenn ich beim Lesen nicht spürte, dass de Sprache ununterbrochen, Satz für Satz auf die goldene Waage gelegt, Leben und Tod auspendelt, interessierte mich das Buch nicht. Es langweilte mich, so kann ich es sagen, buchstäblich zu Tode. (…) ich konnte mich nicht unterhalten lassen, ich musste mich Tag für Tag, eingeklemmt zwischen Himmel und Hölle, mit Sätzen über Wasser halten und hatte im Pulsschlag meiner Schläfen damit zu kämpfen, die mich immer wieder schräg anschauende, aufdringlich einschneidende Rasierklinge aus dem Augenwinkel zu verlieren, um nicht eines Tages mit dem Besteck von Gilette in den Augenwinkeln durch die Welt zu gehen, ezhn Zentimeter über dem ERdboden vielleicht.”