Sieglinde Geisel hat den amerikanischen Schriftsteller, der die Themen für seine Romane in aktuellen Wissenschaftsbereichen und noch unbeantworteten Fragen in der Medizin sucht, gefragt:

In Ihren Romanen erkunden Sie Themen wie Internet, Neurophysiologie, Genetik. Würden Sie den Begriff „Thesenroman“ für Ihre Bücher verwenden?

„Eher nicht. Ich kombiniere diese Art des Thesenromans mit altmodischen psychologischem Realismus; ich verbinde das Vergnügen an der These mit dem Vergnügen der Narration, die durch Figuren vorangetrieben wird. Meine Bücher sind gleichzeitig „novels of character“ und „novels of ideas“. Die Unterscheidung ist ja künstlich, auch in unserem eigenen Leben.“

Was wissen Sie über ein Buch, wenn Sie mit dem Schreiben anfangen?

„Nichts. Schreiben ist ein Akt des Herausfindens, was man schreibt. In den drei bis vier Jahren, die ich für mein letztes Buch gebraucht habe, hatte ich sehr wenig Ahnung von dem, was ich tat – das zeigen die unzähligen Entwürfe und Überarbeitungen.“

Wie entstehen Ihre Figuren?
„Das ist bei jedem Buch anders. Die Figuren haben ihre eigenen Hoffnungen, Ängste und Leidenschaften, und zu diesen Leidenschaften gehören Ideen. Was uns am meisten als Individuen definiert, sind nicht die Besonderheiten unserer Seelengeschichte, ja nicht einmal unser Temperament, sondern das, woran wir glauben, und die Frage, was wir zu tun bereit sind, um es wahr werden zu lassen – in welchem Mass wir bereit sind, die Wirklichkeit zu ignorieren oder umzudeuten, damit sie mit unseren Glaubenswahrheiten übereinstimmt.“

Richard Powers Romane Das Echo der Erinnerung, Der Klang der Zeit, Galatea 2.2 und sein neuestes Werk Das grössere Glück, in dem es um den Nachweis eines Glücksgens geht, erscheinen im S. Fischer Verlag