hier ein zitat aus dem neuen roman von Luc Bondy „Am Fenster“. rezensenten erkennen den roman als stark autobiografische lebenserzählung. Luc Bondy, der auch immer wieder selbst als schauspieler auftritt, ist vor kurzem 60 jahre alt geworden:

„Als junger Mann hatte ich Ambitionen als Lyriker. Ich scharte eine Gruppe Freunde um mich und las ihnen im Café „Le Select“ meine prosagedichte vor. Es war eine erfolgreiche Zeit: Die Gedichte wurden zwar von jedem Verleger abgelehnt, aber meine Freunde sahen mich als jungen Rimbaud. Es saß auch ein bärtiger Dichter dabei, der in philosophischen Abstraktionen sprach, die keiner verstand und alle bewunderten. Er war der älteste unter uns: ein großartiger Hochstapler, der aussah, als würde er die Nächte unter dem Pont-Neuf verbringen. Alles an ihm war voll Staub: seine langen Haare, sein Bart, sein Pullover. Seine Zähne waren braun und vorne abgebrochen, so dass er seine Gedichte lispelnd vortrug. Er bewunderte mich und fluchte dabei. „Was machst du mit deinem Leben. Theater? Bist du krank? Und warum denn nicht gleich Puppenspieler im Jardin du Luxembourg?“

Seine Freundin Paula hatte schwarzes, strähniges Haar, sie schminkte sich sehr weiß. Sie war zierlich, fast magersüchtig. Alle von mir geschriebenen und vorgetragenen Gedichte waren an Paula gerichtet, an ihre schönen Schultern. Ich wollte sie besitzen. Einerseits ließ ich mich von ihrem Freund anhimmeln, andererseits versuchte ich ihm Paula wegzustehlen. Jeden Tag dachte ich über eine neue Strategie nach. Es gelang mir. Sie besuchte mich heimlich, dann weniger heimlich, und dann zog sie aus.“

aus dem roman: Am Fenster von Luc Bondy, Paul Zsolnay Verlag Wien