” Die Kontrolle des Autors über sein Material erstreckt sich vom Stoff über die Figuren bis zur Lektüre. Und selbst der Aufstand einer Figur stellt sich lediglich als geschickte Inszenierung ihres Schöpfers dar.
(..) Es gibt unterschiedliche Strategien, um mit der Eigenmächtigkeit des Materials, der Widerborstigkeit der Figuren oder dem Eigenleben der Sprache umzugehen. Manche Autoren legen Wörterlisten an, andere üben sich als Virtuosen im Zeichnen und Verwerfen von Bauplänen; da verwandelt sich ein Text fortlaufend als ein unabschliessbares work in progress. (…) Die Offenheit des Kunstwerks hat viele Gesichter; auch wenn nichts dem Zufall überlassen scheint, hat eine dem Maerial innewophnende Macht die Hand im Spiel. Gleichwohl: Wenn sich der Leser lediglich als ausführendes Organ einer Leseanweisung empfindet, muss er sich geprell vorkommen.
Denn erst dort, wo die Kontrolle nachlässt und das Material der Absicht des Autors ein Schnippchen schlägt, verselbständigen sich der Stoff und die Sprache. Und erst da, wo Stoff und Sprache jenseits des bewußten Gestaltungswillens des Autors und aus sich selbst heraus zu eigener Gestalt finden, zeigt sich, ob sie zu mehr als nur zur Mitteilung taugen.
(…) Von Wilhelm Genazino weiss man, dass seine Texte so sehr ein Eigenleben führen, dass sie sich selbst in Lesungen verselbständigen. Er liest dann, was er auch noch hätte geschrieben haben können – und der Leser oder Zuhörer wundert sich, dass so ein Buch überhaupt je in die Druckerei kommen konnte.”
aus der rezension “Das eigenmächtige Material” über Daniel Kehlmanns erschienenen band Ruhm u.a.