Sa 10 Jan 2009
Walter Benjamin: ohne “Ich”
Geschrieben von gerhild unter Allgemein
1 Kommentar
“Wenn ich ein besseres Deutsch schreibe als die meisten Schriftsteller meiner Generation, so verdanke ich das zum guten Teil der zwanzigjährigen Beobachtung einer einzigen Regel: Sie lautet: das Wort “ich” nie zu gebrauchen, außer in Briefen.”
aus: Berliner Chronik
27. Februar 2009 um 22:55
Mit dieser empfehlenswerten Regel, trifft er einen gereizten Nerv der Gegenwartsschreiberei. Jeder Text, der sich heutzutage an diese Regel hält, bekommt einen Sonderstatus und hebt sich aus der Masse von Modetexten hervor. Mir ist bewusst, dass auch in der ersten Person ohne „ich“ geschrieben werden kann, dennoch leben wir in einer Zeit des „Mode-Ich“. Von Experten wird in Workshops und Ratgebern das Schreiben in der ersten Person überschwänglich gepriesen, als Umgangsform heutiger Zeit, Glaubhafter und mit mehr Nähe zum Leser. Gut für den Autor der damit umgehen kann. In der Praxis wird vom vormaligen Extrem der Verklemmtheit in das Extrem der peinlichen Offenheit gewechselt, wobei selbstbewusstes Darstellen mit egozentrischer Selbstdarstellung verwechselt wird. Das enge Sichtfeld des Protagonisten von dem sich ein „Ich-Autor“ schwer zu lösen vermag ist ein weiterer Nachteil.
Der Ursprung, der falsch verstandenen Anwendung der ersten Person, liegt in einer pseudopsychologischen Fürsorge der modernen Gesellschaft, denn es wuchert Selbstfindung, Selbstbewusstseins- und Managertraining, sowie unzählige Abarten von Schulungen die sich um das „Ich“ drehen. Wohlgemerkt in Geschäftsbriefen, wird, mittlerweile nicht selten, mitten im Satz „Ich“ groß geschrieben, im Gegensatz dazu „sie“ klein. Meine Sammlung wächst stetig. Statt mit geistreichen Formulierungen wird mit plumper Schriftform agiert.
Zurück zur Schriftstellerei. Ein Autor mit Abstand zu seinem Werk, ist wie ein Maler der von seinem Bild zurücktritt, damit er die Übersicht behält und sieht, wie es wirkt. Es geht nicht darum in welcher Person man schreibt, sondern wie man schreibt. Der Erzählstiel ist unabhängig und besser ohne „Ich“.