Mi 30 Apr 2008
literaturpreise hätten ihm geholfen: Tucholsky – schreiben, um zu verhungern
Geschrieben von gerhild unter Allgemein
[3] Kommentare
hier noch eine kleine ergänzung zum heutigen Autorenhaus-Verlag newsletter, in dem es um einen bewußt provokanten beitrag des sprachwissenschaftlers Oliver Junge unter der überschrift: Autorenförderung? Hungert sie aus! geht.
aus einem brief, den der berühmte schriftsteller und autor von Panter, Tiger & Co. an seinen Freund Siegfried Jacobson schrieb als er schon längst kein unbekannter autor mehr war:
“Ich arbeite fast jeden Tag von morgens bis abends, ich gebe mir Mühe, und man kann gewiß nicht mehr Skrupel und Selbsthaß haben als ich. Du kennst meinen bis zur Lebensgefährlichkeit gesteigerten Mangel an Größenwahn: aber wogegen ich mich mit aller Macht stemme, ist die Anschauung, als sei in meinem Alter und bei meinem rein äußerlichen Erfolg das Verhungern, Geldpumpen, die Zahlungsschwierigkeiten – als sei das alles ein Normalzustand.”
die literaturpreise von heute für lebenswerke, gesamtwerke und alterswerke etc. hätten dem schrifststeller damals sehr helfen können.
siehe autorenhaus-verlag.de
4. Mai 2008 um 02:13
Tucholsky unterscheidet sich von den Literaturpreisträgern und Fördergeldempfängern von heute, jedenfalls vom deren überwiegendem Teil, dadurch, dass er mit unendlichem Abstand besser schreiben konnte und auch unendlich bessere Inhalte in seine Literatur legte. Ein Könner wie Tucholsky zu sein, ist aber auch heutzutage noch immer kein Grund für die Verteiler von Literaturpreisen und Fördergeldern, an dessen Förderung oder Auszeichnung zu denken. Hat sich denn in den einzelnen Köpfen dieser Gremien etwas geändert? Sie leben lediglich in einer anderen Zeit, aber ihr Denken und zum großen Anteil auch ihre dürftige Kompetenz, ihre Anpassung an den kommerziellen und kulturellen Geist sind höchstens noch dürftiger, armseliger und verknöcherter, als es bei den früheren “Kollegen” der Fall war. Thomas Kristott
11. Mai 2008 um 02:56
Ja toll, Literaturpreise, klingt wirklich gut, ist es aber nicht immer. In zwei Wochen Arbeit habe ich einen ausführlichen Brief geschrieben, mich bei einer Literaturwerkstatt um Unterricht und Arbeitsstipendium bemüht. Anschließend habe ich mir die Gewinner und die Jury angesehen, sie schreiben alle Problemliteratur; ich nicht. Nun gut, warum bewirbst du dich nicht bei einem Preis, der zu deinen Romanen passt?
In zwei Jahren habe ich Romane im Thriller, Fiction, SiFi, Fantasy und Cyberpunk Genre geschrieben. Es gab früher auch mal einen Preis, jetzt nicht mehr. Die nächsten zwei Wochen für einen ausformulierten Vorstellungsbrief mit allem TamTam werde ich verwenden um einen Roman zu schreiben.
Preise sind eben mehr für Mainstream der Problemliteratur, oder für Bücher mit lokalpatriotischem Background bestimmt. Ich hoffe meine Verbitterung in Bezug auf die zwei Wochen vergeudete Zeit ist deutlich. Um es mit den Worten von Elliot Perlman zu sagen „Überleg dir, was du zu opfern bereit bist.“ Danke Gerhild Tieger für dieses Zitat
Euer Burgy
14. Mai 2008 um 18:07
Ich glaube auch: Abhängigkeit von Preisgeldern und einer Jury ist viel verheerender als Abhängigkeit von Lesern. Leser kaufen wenigstens, was ihnen gefällt, und das hält die Autoren dazu an, spannend zu schreiben, interessante Themen zu finden, Menschen anzusprechen und zu bewegen – und nur so erreicht man andere Menschen. Will man das nicht, wieso soll man dann schreiben?
Aber die Kriterien, nach denen Preise verteilt werden, scheinen mir undurchschaubar. Ich hab’s vor vielen Jahren jährlich bei einem Schülerschreibwettbewerb versucht, und zwar jedes Jahr mit einer anderen Idee oder Form, aber ich habe nie gewonnen. Die Gewinnertexte gab’s dann als Anthologie. Mir ist bis heute nicht klar, was an denen besser war. Aber sie waren oft grusliger, unverständlicher, häßlicher, eben so nach dem Geschmack, der offenbar im Betrieb der “hohen” Literatur vorherrscht. Und mal ehrlich: Wenn man sich Preisverleihungen und Literaturdiskussionsrunden im Fernsehen anschaut, erlebt man doch die buchstäblichen vier Meinungen bei drei Anwesenden. Nein, davon sollte man möglichst unabhängig sein. Wenn Abhängigkeiten sein müssen, dann doch schon lieber die vom Leser, der ein Stück harter Arbeit für mühsam erworbenes Geld kauft, weil er sie gut findet und etwas damit anfangen kann. Und am besten ist wahrscheinlich, wenn man von einem anderen Beruf leben kann, ohne daß der zuviel Zeit frißt.