Mi 2 Apr 2008
Angelika Overath: Journalismus oder Literatur?
Geschrieben von gerhild unter Allgemein
1 Kommentar
nach dem letzten newsletter von Manfred Plinke am 26.3.08 kam es zu lebhaften diskussionen über journalistisches und literarisches schreiben. deshalb habe ich für alle teilnehmer des schreibprojekts Ein Roman in einem Jahr hier (aus urheberrechtsgründen nur einige) passagen aus Angelika Overaths klugen artikel: Warum ich Reporterin bin, auch wenn ich Romane schreibe abgeschrieben:
die autorin ist journalistin und literatin. sie wendet beide formen des schreibens immer wieder an in ihren reportagen (Im Bellevue Palace der Zimmermädchen), essays (Der Teppichboden, beide in dem buch “Vom Sekundenglück brennender Papierchen” im Libelle-Verlag erschienen) und im roman (Nahe Tage. Roman in einer Nacht. Wallstein-Verlag)
“Eine gute, eine anschauliche Reportage ist ein von Grund auf erfundener Text. Schon während der Recherche muss abgewogen werden, welche Personen die Geschichte tragen können, welche Details zu Motiven taugen. Zu klären ist, in welcher Perspektive und Zeitstruktur erzählt werden soll und ob die Geschichte ein leitendes Ich braucht. Wie müssen die Schnitte kalkuliert werden, die das Tempo steuern? Das sind bei weitem nicht alle Fragen, aber ungefähr mit dieser Überlegung geht es los. Aber fragt der Autor einer Erzählung anders?
Was die Reportage von den sogenannten fiktionalen Genres grundsätzlich unterscheidet, ist ihr Verhältnis zur Welt. Eine Reportage muss in dem, was überprüfbar ist, stimmen. Aber ist Faktentreue ein Kriterium, das Literatur ausschließt? Wohl kaum. Ein zweiter Unterschied liegt im Verhältnis zum Markt. Wer über den literarischen Markt wehklagt, kennt den journalistischen nicht. (…)
Vielleicht macht es, in den Reihen der Literatur, die Reportage verdächtig, dass sie verständlich sein soll. Ich zähle mich zu den realistischen Autoren; ich habe Klarheit gerne und verbeuge mich vor dem Geheimnis, das in jeder strengen Form liegt. (…)
Nicht die Recherche, nicht die Sorgfalt im Hinsehen, nicht einmal die stilistischen Techniken trennen für mich eine Reportage von Kurzgeschichte, Erzählung oder Roman. Den Unterschied macht eine kleine Drehung hin zu psychischen Prozessen. Es sind wenige Grade rückhaltloser Aufmerksamkeit mehr. Mit Erfinden in einem emphatischen Sinne hat das nichts zu tun, eher mit Zulassen. Zulassen von Bildern, von Empfindungen, von Sätzen auch. Eine Formulierung wie “Sie atmete die Mutter” ist nur die Umsetzung einer sehr konkreten Erfahrung beim Sortieren der getragenen Wäsche. In einer Reportage wäre dieser Satz suspekt; im Roman aber bewährt sich die Reportertreue zu Details, ohne die sich die radikalen Räume des Empfindens nicht öffnen würden. Damit aber ist der Roman eine Reportage aus der Intimität.”
ich hoffe, diese zitate konnten ihnen etwas klarheit geben. wenn sie sich ausführlicher informieren möchten, wie sich journalistisches von literarischem schreiben handwerklich unterscheidet, dann lesen sie vielleicht einmal bei William Zinsser: Nonfiction schreiben nach.
3. April 2008 um 11:16
Gut erklärt von Angelika Overath. Der Unterschied zwischen Bericht und Reportage war mir bis heute nicht so richtig klar. Sie schreibt “Eine gute, eine anschauliche Reportage ist ein von Grund auf erfundener Text.” Ich dachte bisher, dass wenigstens die Protagonisten real existieren – wie naiv von mir. Wie es dann zur Literatur geht ist nachvollziehbar beschrieben. Danke!