Di 4 Mrz 2008
Jonathan Littell: ungeheuer kalte form
Geschrieben von gerhild unter Allgemein
[2] Kommentare
der über tausend seiten schwerstroman “Die Wohlgesinnten” des französischen schriftstellers Jonathan Littel ist kaum im deutschen buchhandel und schon steigt er auch auf deutschen bestsellerlisten. aus einem artikel in der FAZ “Die Grammatik der Toten – Jonathan Littell parierte bei seinem ersten Auftritt in Berlin fast alle Fragen ungerührt: ein bisschen Belmondo, ein bisschen Becket” von Hubert Spiegel:
Zitat:
“Wie es sich anfühle, wenn man das Elend und die Grausamkeiten der Massenexekutionen so detailliert beschreibe, wenn man am Schreibtisch im Blute der Exekutionsopfer wate, hatte Daniel Cohn-Bendit Stunden zuvor gefragt, und Littel hatte nach kurzem Zögern kühl geantwortet, das die Leiche im Moment des Schreibens eine grammatikalische Form sei, und damit provokant die Täterpsyche zitiert, die das Opfer im Moment der Tat von einem Menschen zu einer Sache werden lässt.”
der schriftsteller ist ein brillianter intellektueller, aber eine solche kälte und distanz zum stoff ist für den leser nahezu unerträglich. aber wäre es überhaupt möglich, hunderte von seiten mit unvorstellbaren grausamkeiten zu füllen u n d dabei das leiden der opfer mitzufühlen? muss der autor dazu vielleicht zum arzt werden, der sich auch täglich verhärten und verschließen muss gegen die not seiner patienten wenn er quasitodesurteile ausspricht?
5. März 2008 um 21:51
Gerade habe ich mir einige Seiten des Buches ausgedruckt ( Leseprobe vom Buchhandel)und gelesen. Das Geschriebene erscheint mir grausam, es gehört fast Mut dazu, das Buch zu lesen, obwohl es flüssig zu lesen ist.
In unserer Bekanntschaft ist ein über 80 jähriger Mann, der sich weigert, Bücher, Filme oder Diskussionen aus dieser vergangenen Zeit zu lesen oder zu führen. Das ist auch nicht gut.
Das Buch beschäftigt, nicht nur mich. Ob ich es lesen werde ?
7. März 2008 um 11:37
Wenn man jahrelang ein solches Thema recherchiert, dann muss man sich schon aus reinem Selbstschutz von seinen eigenen Gefühlen distanzieren! Littell Kälte und innere Nähe zu einem SS-Offizier vorzuwerfen ist absurd und kann nur von jemandem kommen, der sich noch nie schreiberisch mit einem solchen Thema auseinandergesetzt hat und monatelange Albträume aufgrund des während der Recherche Gelesenen hatte.
Das einzige, was man Littell “vorwerfen” kann, ist, sich nicht den Erwartungen sensationsgeiler Journalisten zu beugen.