Do 16 Aug 2007
beruf, sucht und panik
Geschrieben von gerhild unter Allgemein
[2] Kommentare
Wladimir Kaminer, der 1990 ohne deutsche sprachkenntnisse nach Deutschland kam, ist heute durch sein buch Russendisco (bei Manhatten und Goldmann erschienen) und als gründer der Russendisco, wo er als DJ auftrat, ein fixstern in der berliner szene. bevor er in Prenzlauer Berg sesshaft wurde und anfing zu schreiben, arbeitete er an Moskauer theatern als toningenieur und dann:
“… hat sich das Schreiben zu einem Beruf entwickelt – zu einer Sucht, der man sich von einem bestimmten Punkt an gar nicht mehr entziehen kann. Selbst wenn man dies manchmal möchte, zum Beispiel angesichts der Schwierigkeiten, die man dadurch kriegt.”
mit schwierigkeiten meint er das leben in zwei welten, der fiktiven und der realen, zwischen denen er hin- und herpendelt und dabei seine identität so oft wechseln muß, dass er sich womöglich manchmal fragt, wer aus ihm spricht. und dazu gehört auch die angst vor dem verschwinden:
“(…) Erst nach drei oder vier Jahren Schreiberei merke ich, dass ich eigentlich eine Art Selbstvernichtung betreibe. Beim Schreiben geht ja immer ein Stück von dir weg. Und je mehr du schreibst, ja größer die Welt wird, die du geschaffen hast, desto kleiner wirst du selbst – klein und unbemerkbar. Bis du dann irgendwann an der Grenze zum Verschwinden bist. Manchmal war ich schon in Panik.”
die nächste Russendisco ist übrigens am 8. september in der Tanzwirtschaft Kaffee Burger, Berlin, Torstraße 60.
16. August 2007 um 14:21
Das halte ich für eine merkwürdige Aussage. Mir scheint, nur jemand mit einem ziemlich präpotenten Charakter empfindet es so. Jemand, dem seine eigene Größe und Bedeutung wichtig sind.
Dieser Autor scheint mir so ungefähr das Gegenteil von Catherine Coulter zu sein, der im vorigen Beitrag erwähnten Autorin. Sie gibt den Ratschlag, sich nicht so ernst zu nehmen – welcher Ratschlag könnte besser sein? -, und dieser Autor hier nimmt sich selbst so wahnsinnig wichtig und ernst, daß er nicht das kleinste Stückchen von sich abgeben möchte. Daß er Angst hat, etwas zu verlieren, wenn er schreibt. Nicht nur Angst, sondern den konkreten Eindruck.
Er hat natürlich durchaus recht, Schreiben ist immer ein Geben, weniger oder gar nicht ein Nehmen. Wenn man kein geborener Geber ist, sondern eher ein Nehmer – wie anscheinend dieser Autor – kann einem das schon angst machen.
Daß das eigene Werk größer sein könnte als man selbst – darüber haben sich schon viele Autoren Gedanken gemacht. Aber meistens freut es einen doch eher, oder nicht? Wenn man sich eben selbst nicht so ernst nimmt …
Meine Erfahrung ist, daß ich durch das Schreiben mehr gewinne als verliere. Was ich beim Schreiben verliere, ist Energie. Man fühlt sich ausgepowert, wenn man ein paar tausend Wörter an einem Tag geschrieben hat, mit seinen Figuren mitgelitten hat, auch sich mit ihnen gefreut hat. Das ist purer, fortgesetzter Streß, und wenn man eine seiner Figuren im Text hat einen Marathonlauf absolvieren lassen, fühlt man sich so, als hätte man diesen Lauf selbst absolviert.
Aber das ist kein dauerhafter Verlust, und wesentlich mehr gewinnt man beim Schreiben. Indem man Dinge durchlebt, als ob sie einem selbst passieren würden, gewinnt man an Lebenserfahrung. Auch Erkenntnisse gewinnt man, denn wenn man etwas hinschreibt und sich Gedanken darüber macht, wird es einem selbst oft klarer, was wirklich der Kern der Sache ist.
Also ich würde sagen, das Gegenteil ist der Fall. Durch Schreiben verliert man sich nicht, wird nicht kleiner, sondern man gewinnt sehr viel und wird größer. Nicht körperlich natürlich, aber geistig. Nach jedem Buch, das man geschrieben hat, ist man ein wenig schlauer als vorher.
Oder sollte es sein. Ich gebe zu, daß man bei manchen Büchern den Eindruck hat, der Autor entwickelt sich genauso wenig weiter wie sein Held. Vielleicht ist »Russendisko« so ein Buch, ich weiß es nicht, ich habe es nicht gelesen, aber nach der Selbstdarstellung des Autors könnte man es vermuten.
Auf der anderen Seite hat er auch wieder recht. Denn daß Schreiben etwas ist, dem »man sich von einem bestimmten Punkt an gar nicht mehr entziehen kann. Selbst wenn man dies manchmal möchte, zum Beispiel angesichts der Schwierigkeiten, die man dadurch kriegt«, dem würde ich mich voll und ganz anschließen. Er nennt es Sucht, ich würde sagen, es ist die Hingabe ans Schreiben, die mich dazu bringt.
Aber vielleicht ist das auch beides dasselbe.
Gruß,
eine Schriftstellerkollegin
2. September 2007 um 18:32
Ich bin auch über die “Selbstvernichtung” gestolpert. Ich schreibe so richtig erst seit 3 Jahren, also vielleicht kommt dieser Punkt ja in den nächsten Monaten, aber bisher empfinde ich das Schreiben eher als eine Art Selbsterweiterung. Verzehrend ja, aber nicht vernichtend. Eher ein Wachsen und mich Verbinden mit anderem.
Erinnert mich an das Wort von Jesus aus dem Johannesevangelium: “Erst das Weizenkorn, das in die Erde fällt und stirbt, bringt Frucht.” (oder auch: “Wer sein Leben verliert, wird es gewinnen.”)
Viele Grüße an alle anderen Schreiberlinge,
schön, dass es so viele gibt! (in meiner unmittelbaren Umgebung eher weniger …)
Der Schmetterling