Fr 3 Aug 2007
Wilhelm Genazino: durch eigenes in der welt sein
Geschrieben von gerhild unter Allgemein
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einen baum pflanzen, ein haus bauen, ein kind zeugen – und dann ab in die grube. danach haben wir unsere aufgabe, den bestand zu sichern gleich dreifach erfüllt. wir leben dadurch vielleicht ein bißchen weiter – in einem baum, einem haus, einem kind. eigentlich aber ist unser anspruch größer, wir sehnen uns nach ewigkeit, mehr zu hinterlassen als greifbares. Wilhelm Genazino spricht aus, was der motivation aller künstler und ihrer werke zugrunde liegt, was sie zu ihren werken treibt:
“Ich glaube nicht an Seelenwanderung, ich lebe in dem schmerzlich grotesken Verlangen, durch etwas eigenes in der Welt zu sein.”
deshalb wollen wir so gut schreiben wie wir können, um darin zu überleben virtuell, vielleicht auf papier oder vielleicht für eine kleine ewigkeit in stein gehauen. abwegig?
das bild zeigt Manfred Hagel, unseren autor für das buch “die eigene stimme finden”.
3. August 2007 um 13:23
Etwas eigenes …
Ich glaube, ein Kind ist schon etwas sehr eigenes. Es kommt aus einer selbst heraus, ist ein Teil des eigenen Körpers. Aber vielleicht sehen das auch nur Frauen so, Männer benehmen sich ja oft, als hätten sie mit ihren eigenen Kindern gar nichts zu tun. Das kleine Spermium, das ihr Kind miterzeugt hat, sehen sie anscheinend nicht als “etwas eigenes” an.
Für mich erscheint ein Kind als das Bleibendste, das ich von mir zurücklassen kann. Sicherlich, es ist nicht ich selbst, es ist nur ein Teil von mir und hat sehr viele eigene Besonderheiten, vom Vater, von anderen Vorfahren, die ich vielleicht gar nicht kannte. Aber es trägt meine Gene weiter, hat vielleicht selbst wieder Kinder, und selbst in Generationen bin ich dann immer noch existent – auch wenn ich davon dann natürlich nichts weiß.
Ein Roman ist für mich genauso wie ein Kind. Ich nenne alle meine Bücher “meine Kinder”, weil sie so viel von mir enthalten wie wohl kein körperlicher Sprößling.
Und ich hoffe natürlich, daß “meine Kinder” bleiben werden, daß sie immer noch gelesen werden, wenn ich längst tot bin. Daß das, was ich gedacht und niedergeschrieben habe, dann immer noch existiert.
Ob das so sein wird, weiß ich genausowenig wie bei realen Kindern, aber ich hoffe es. Dann hätte sich die Arbeit doch gelohnt.
Gruß,
eine Schriftstellerkollegin
P.S.: Vielen Dank für die Vorschau.
26. August 2007 um 23:34
Etwas wirklich Ich-Bleibendes zu hinterlassen… ich weiss nicht, ist es sooo wichtig, dass ICH irgendwo durchschimmere? Ist es nicht wichtiger, in irgendeiner Form etwas dazu beizutragen, dass ES weitergeht, möglichst positiv, möglichst konstruktiv und damit es auch lebens- und liebenswert wird, möglichst kreativ? Natürlich sollte sich jeder – auch das jeweilige ICH – bemühen, einen guten Beitrag zu leisten, aber vielleicht nicht so sehr mit dieser Prämisse, dass das ICH möglichst sichtbar ist…. Naja, ich bin eine vier-Kinder-Mut
ter und eine sieben-Enkel-Omi, vielleicht ist bei mir dieses ICH-Bedürfnis aus diesem Grund nicht so stark… denn ein ganz kleines bisschen ICH ist ja in diesem ganzen Clan drin, oder?
30. August 2007 um 13:50
Durch eigenes in der Welt BLEIBEN.
Nichts ist unsterblich. So weit so gut. Trotzdem bin ich überzeugt, dass viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller auch schreiben, aus der (vielleicht naiven) Hoffnung heraus, damit die Zeit zu “überlisten”, ihr die Endlichkeit des eigenen Lebens streitig zu machen und durch das Geschriebene dem Leben etwas abzutrotzen, das auch nach dem Tod noch Bestand hat.
Ein Schreiberling