Sa 21 Jul 2007
zwischen solchen tagebüchern …
Geschrieben von gerhild unter Allgemein
1 Kommentar
… und anderen unterscheidet Martin Walser. für ihn gibt es die aufgeschriebenen, die anderen nennt er die hingeschriebenen. das erstere ist mehr dazu gedacht termine, begegnungen, namen und treffpunkte in erinnerung zu behalten. das andere, das hingeschriebene, dagegen enthält die kommentierten gedanken, ideen- auch figurenentwicklungen für geschichten und romane, literarisch und sehr persönlich. diese art tagebuch ist auch nicht gleich mit der absicht geschrieben, eines tages veröffentlicht zu werden. eher ein arbeitsbuch. da kriegen auch schon einmal die schriftstellerkollegen ordentlich was ab.
sehr beeindruckend nachzulesen in “Party im Blitz. Die englischen Jahre” von Elias Canetti, aus dem Nachlaß herausgegeben von Kritian Wachinger im Carl Hanser Verlag erschienen. es ist von brillianter bosheit und enthält sehr persönliche detailbeobachtung von nahezu allen schriftstellern dieser zeit. offen bekennt Canetti darin: “Ein Spion war ich immer, ein Spion, der allen Spielarten des Menschen nachging, und wo eine solche Spielart deutlich zu erkennen war, mag ich mit besonderer Gier zugehört haben.” davon profitiert auch der tagebuch-hinschreiber immer.
26. Juli 2007 um 18:24
“Ein Spion war ich immer, ein Spion, der allen Spielarten des Menschen nachging, und wo eine solche Spielart deutlich zu erkennen war, mag ich mit besonderer Gier zugehört haben.”
Das ist ein sehr interessanter Satz.
Die Gier.
Die Neugier.
Ich glaube, darum geht es.
Es ist uns Schriftsteller/innen allen angeboren, glaube ich, besonders gute Beobachter/innen zu sein. Nur davon leben wir. Von der Gier nach Neuem, anderem, Interessantem, Verwertbarem.
Ja, auch die Verwertbarkeit ist ein Aspekt, den darf man nicht verleugnen. Jeder Schriftsteller ist nicht nur ein Spion, sondern auch ein Vampir. Nur sollten die Ausgesaugten hinterher nicht als solche zu erkennen sein, wie ich schon in meinem anderen Beitrag zu diesem Thema schrieb.
Bösartigkeiten über Leute zu lesen, die bereits tot sind, wie wohl die von Canetti Beschriebenen, ist jedoch immer ein Genuß. Es ist sicherlich auch nicht die feine Art, so etwas zu veröffentlichen, aber da bin selbst ich nicht so engstirnig.
Irgendwo liest man solchen Klatsch – denn nichts anderes ist es – dann doch gern. Vor allem, wenn es gut und intelligent geschrieben ist, worauf man sich bei Canetti verlassen kann.
Ein wenig Spaß müssen wir uns selbst als Schriftsteller/innen gönnen.
Gruß,
eine Schriftstellerkollegin