Mi 18 Jul 2007
göttliche strafe
Geschrieben von gerhild unter Allgemein
[7] Kommentare
so hat Norman Mailer, in diesem jahr 84, den beruf des schriftstellers bezeichnet. was würden die kumpel unter tage dazu sagen oder die hochhausfensterputzer in ihren krankörben an stockwerk 19: die sind für mich viel eher gestrafte, echte sisyphusarbeiter. nehmen wir an, dass selbst ein hardboiled journalist und schriftsteller sentimental werden kann und metaphorisch in die falsche worttasche greift. schreiben als göttliche strafe, schriftsteller lebenslänglich verurteilt, dies zu ihrem lebensunterhalt auf sich zu nehmen. da frag ich mich, wo bleibt die lust und befriedigung an einem gelungenen text? die und der müßte demnach eine ganz unbeabsichtigte gabe gottes sein?
Ähnliche Artikel
- Keine ähnlichen Artikel
19. Juli 2007 um 12:40
..ich könnte mir vorstellen, dass dieser Norman Mailer das anders gemeint hat: wie mehr als mühsam ist es oftmals, genau die richtigen Worte zu finden, um in feinster Nuance auszudrücken was man sagen will, so sagen will, dass es auch andere auf gleiche Weise aufnehmen…das ist eine Strafe denke ich mir, für einen kreativen, ideenvollen Menschen, für den Schreiben Lebensinhalt ist. Wenn er es dann erreicht: das ist dann göttlich. Könnte Normal Mailer es nicht so gemeint haben?
19. Juli 2007 um 12:48
Es ist wohl eher die Berufung des Schriftstellers, die Mailer meint, als sein Beruf. In der Tat kann die Berufung zum Schreiben zur Strafe werden – dann nämlich, wenn sie zwanghaft wird, und das ist bei Schriftstellern leider nicht selten der Fall. Ein Tag ohne geschrieben zu haben, ist ein schlechter Tag. So sieht es ein Berufener und wird damit dem Klischee des Schriftstellers gerechter als ihm lieb ist. Und nur mit dieser “Strafe” lassen sich auch Phänomene wie die Angst vorm weißen Blatt erklären.
Nichts desto trotz: Schriftsteller zu sein ist, wenn schon Strafe, dann eine mit Betonung auf göttlich – denn es gibt keine schönere Quälerei als die alltägliche des Schriftstellers.
19. Juli 2007 um 14:10
Also ich wäre lieber Hochhausfensterputzerin als Schriftstellerin, muß ich Dir sagen.
Das ist doch der wesentlich einfachere Beruf (wenn man schwindelfrei ist). Ich stimme Norman Mailer hundertprozentig zu.
Gruß,
eine Schriftstellerkollegin
26. Juli 2007 um 17:02
Das ist Dein gutes Recht, Michael, das spreche ich Dir nicht ab, aber wenn Du einmal Schriftsteller gewesen wärst oder Dich als Schriftsteller fühlen würdest, würdest Du vermutlich anders reden.
Du denkst, es ist ein Aufwertung? Ist es das wirklich? Bedeutet Quälerei nur etwas, wenn man mit den Händen arbeitet? Zählt geistige Arbeit für Dich nicht? Das sind glaube ich so die Fragen, die man sich stellen muß.
“Der Stoff zum Schreiben wird vom Leben aller geliefert.” Da stimme ich Dir hundertprozentig zu. Aber könntest Du eine Geschichte daraus machen, einen Roman? Oder könntest Du das nicht? Und das ist das Entscheidende. Es gibt viele Leute, die jeden Tag dassselbe sehen wie ich oder andere Schriftsteller/innen, aber sie könnten niemals etwas daraus machen. Sie sehen es, und damit hat es sich. Sie denken nicht darüber nach, sie schreiben nicht darüber.
Das hat nichts mit Aufwertung oder Abwertung zu tun (Du z.B. wertest die handwerkliche Tätigkeit höher als die geistige. Du denkst, daß Leute, die mit den Händen arbeiten, besser sind als Leute, die mit dem Kopf arbeiten. Das ist auch eine Form von Arroganz und Selbstaufwertung. Die Du andererseits den Schriftsteller/inne/n vorwirfst. Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein, habe ich mal irgendwo gelesen …)
Ich denke, jeder Beruf hat seinen Wert. Egal, ob jemand Fensterputzer ist oder Schriftsteller, wenn er seinen Beruf gut macht, ist das gleichwertig. Es hängt von Talent ab, von Begabung, von Interesse und von vielen anderen Faktoren. Es geht nicht darum, wer besser ist. Und ein Schriftsteller ist auch nur dann gut, wenn er das Schriftsteller-HANDWERK beherrscht, um das mal klarzustellen.
Ein Schriftsteller ist in erster Linie ein Handwerker. Wenn er das nicht ist, ist er meistens auch kein guter Schriftsteller. Ich sage nicht: immer, weil es ein oder zwei Ausnahmen gibt, die gute Schriftsteller sind, ohne gute Handwerker zu sein. Aber wie gesagt: Das sind Ausnahmen.
Somit ist Schriftstellerei eine handwerkliche Tätigkeit, die Du ja sehr hoch bewertest. Und damit bin ich vollkommen einverstanden.
Gruß,
eine Schriftstellerkollegin
26. Juli 2007 um 17:15
Hallo Ilse,
was Du beschreibst ist wirklich so sehr unser tägliches Brot.
Ich glaube, daß Norman Mailer auch das gemeint hat. Schriftstellerei ist in vieler Hinsicht eine göttliche Strafe.
Einmal, so wie Hanna es ausgedrückt hat, wenn es zwanghaft wird. Wenn man keinen Tag zubringen kann, ohne zu schreiben. Man müßte dann noch über die Intensität des Zwanges Genaueres wissen, denn wenn dieser Zwang den ganzen Tag anhält, kann er natürlich zerstörerisch werden. Wenn man nach ein bis zwei Stunden akzeptieren kann, daß heute kein Tag zum Schreiben ist, ist es eigentlich in Ordnung.
Ich schwanke ein bißchen, ob ich “zwanghaft” bin, denn es gibt auch Tage, an denen ich nicht schreibe und mich trotzdem ganz wohl fühle. Meistens aber ist es so, wie Hanna sagt: Ein Tag, ohne geschrieben zu haben, ist ein schlechter Tag. Dann geht es mir abends sehr schlecht, ich kann kaum einschlafen oder durchschlafen.
Allerdings wurde eine Sache hier noch gar nicht angesprochen, und das ist die größte Qual (für mich), nämlich schreiben zu müssen, um sein Geld zu verdienen.
Das heißt, egal ob ich inspiriert bin, egal ob mir etwas einfällt, egal ob mir das Leben Stoff geliefert hat (was es nicht jeden Tag tut), egal ob ich Lust habe zu schreiben oder mich zwanghaft dazu getrieben fühle: Ich muß schreiben, weil ich sonst nichts zu essen habe und meine Miete nicht bezahlen kann.
Das ist dann eine Strafe, die ich nicht mehr “göttlich” nennen würde.
Gruß,
eine Schriftstellerkollegin
29. Juli 2007 um 17:29
Hallo Schriftstellerin,
für den groben Ausdruck möchte ich mich bei Dir entschuldigen. Ich möchte keinesfalls das Niveau dieser tadellosen Website drücken. Unter der Rubrik „Tieger Blog – Kralle zeigen!“
habe ich etwas anderes verstanden, als sacht den Finger zu heben oder beipflichtend zuzunicken.
Ich möchte nicht, dass wir uns in Spitzfindigkeiten verlieren.
Deine Erläuterung: “Ich denke, jeder Beruf hat seinen Wert. Egal, ob jemand Fensterputzer ist oder Schriftsteller, wenn er seinen Beruf gut macht, ist das gleichwertig. Es hängt von Talent ab, von Begabung, von Interesse und von vielen anderen Faktoren. Es geht nicht darum, wer besser ist. Und ein Schriftsteller ist auch nur dann gut, wenn er das Schriftsteller-Handwerk beherrscht.“, ist genau das, was ich meinte. Und nun mal ehrlich, bei all deinem Talent…, würdest Du lieber…?
Zum Thema göttliche Strafe wird mir zu ausschweifend Argumentiert. Wer, wie, was gemeint haben könnte ist unerheblich. Gerhild fragte was wir dazu meinen. Eine Strafe kann dieser Beruf zweifellos sein, ob göttlich oder nicht, hängt einzig von der Definition dieses Attributes ab. Ist es umgangssprachlich gemeint, würde ich dem zustimmen, aber selbst dann ist dieses Wort in seiner Bedeutung missbraucht und fehl am Platz. Ist es religiös gemeint, dann ist es pure Eitelkeit. Eine ganz unbeabsichtigte Gabe Gottes wird die Schriftstellerei niemals sein.
Gruß Michael
2. August 2007 um 13:29
Nein, würde ich nicht.
Wenn man eine so kurze Bemerkung schreibt, kann man halt immer mißverstanden werden. Mein Fehler.
Sehr richtig. Dem kann ich nur zustimmen. Mich persönlich stört sowieso schon das “göttlich”, denn es gibt keine Götter, und demgemäß kann es auch keine göttliche Strafe geben. Aber damit möchte ich nun keine neue Diskussion auslösen. Jeder kann glauben, was er will, ebenso wie ich glaube, was ich will.
Dieser Beruf kann – wie ich schon schrieb – durchaus eine Strafe sein, aber – und das unterscheidet ihn von vielen anderen Berufen – eine selbstgewählte. Viele Menschen arbeiten in Berufen, die sie aus den verschiedensten Gründen nicht ganz selbst gewählt haben. Da waren die Eltern, die wollten, daß das Mädel unbedingt ins Büro geht oder der Junge einen “anständigen” Beruf ergreift, was auch immer sie darunter verstehen. Oder da waren Zwänge wie z.B. Ausbildungsplatzmangel, die es den Jugendlichen verwehrt haben, den Beruf ihrer Wahl zu lernen und auszuüben.
So etwas trifft für Schriftsteller und Schriftstellerinnen nicht zu. Die meisten von uns hatten – oder haben noch – auch einen “anständigen”
Beruf. Wir haben uns selbst dafür entschieden, auch oder nur Schriftsteller zu sein.
Sicherlich, unser Talent – in welche Richtung auch immer es ausgeprägt oder wie groß oder klein es auch sein mag – wird uns in die Wiege gelegt, ebenso wie einem Schreiner vielleicht das Gefühl für Holz.
Aber die Entscheidung, ob ich das Schreiben zu meinem Lebensinhalt machen möchte – ich glaube, wenn Schreiben nur ein Hobby ist, ist es keine so große Strafe, aber da mag mir jeder, der es anders sieht, widersprechen -, die treffen wir ganz allein. Es gibt meines Erachtens, und dabei bleibe ich auch, einfachere Wege, sein Geld zu verdienen. Und mehr Geld zu verdienen.
Schriftsteller haben eine Aufgabe, die nicht jeder erfüllen kann (gilt aber für andere Berufe wie gesagt auch), Geschichten zu erzählen ist meines Erachtens eine spezielle Gabe, und die Sucht nach Geschichten, die in vielen Lesern schlummert, ist ein Zeichen dafür, daß es offenbar etwas Lebensnotwendigeres ist, als man vielleicht im ersten Augenblick denkt.
Auf jeden Fall denke ich, der Aspekt der Belohnung, die dem Schriftsteller und der Schriftstellerin winkt, ist auch nicht zu vernachlässigen. Auch wenn ich mich manchmal quäle beim Schreiben – gerade weil ich davon leben muß -, ist es doch der Beruf, der mir am meisten Befriedigung verschafft.
Eine gelungene Geschichte, ein gelungener Roman, ein Lob aus Lesermund, das ist Belohnung und Freude. Und – was ich sehr schätze – ich kann diese Geschichte oder diesen Roman immer wieder lesen und dieselbe Freude wieder empfinden.
Ich bin nicht sicher, aber ich glaube, es gibt nicht viele Berufe, von denen man das sagen kann.
Gruß,
eine Schriftstellerkollegin