heute morgen in der Frankfurter Anthologie: zwei dichter Eduard Mörike (mit seinem edicht „Restauration – nach Durchlesung eines Manuskripts mit Gedichten“) und Wolf Wondraschek (der darüber und über eine amateurpoetin schreibt, die ihn um eine beurteilung ihrer verse bittet). ein jahrhundert liegen zwischen den dichtern, ihre einstellung zur alltagspoesie jedoch ist gleich. da lassen sie beide so richtig ihren ekel  gegen „welke Rosen und Camilleblümlein“-poesie raus. da haben sie wirklich was zu leiden: Mörike heilt sich von der süßen dichterei mit einem scharfen rettich, Wondraschek durch analytische erkenntnisse:

„Es gibt nichts Schlimmeres als poetische Poesie, dieser literarischen Mogelpackung par excellence, und bei weitem nichts Verlogeneres als das Aroma fliederfarbener Tränen und Traurigkeiten. Es reiht sich, gewöhnlich ist das so, Klischee an Klischee – und jedes todernst gemeint.“

Rolf Wondraschek sagt aber auch was dichterpflicht ist:

„Genau das ist sie, die Pflicht eines jeden Dichters, Genauigkeit, Präzision! Umso mehr, wenn es um das Gefühlte geht, das nur Geahnte, das in der Liebe kaum je Begriffene, die Musik der Halbtöne, das leise Verklingen jener Melodie, die wir alle am besten hören mit dem Herzen. (..) Und keine Vergleiche, keine Verblasenheiten. Gefühle nicht mit Gedanken verwechseln und im Inhalt einer Dosensuppe nicht nach Sternen fischen wollen.“

Schon wegen dieses poetischen Vergleichs müsste eine gekränkte amateurlyrikerin dem dichter Wondraschek die innere kränkung verzeihen…