Sa 14 Jul 2007
Im Heim, das Maler und Schriftsteller beherbergt
Geschrieben von gerhild unter Allgemein
[2] Kommentare
eine freundin hat mir ‘Das Mädchen auf der Lotoblume’ geschickt. als gewohnheitsmäßige quereinsteigerin finde ich sofort den stichsatz, der mich in dem ersten der beiden kleinstromane festhält. die etwa zwazigjährige malerin und ich-erzählerin flüchtet vor dem Heiiigen Georg und sich selbst ins ‘Heim, das Maler und Schriftsteller beherbergt’. sie lernt einen märchendichter, einen romanschriftsteller, einen filmautor und den blondsträhnigen engel Hendrik kennen. und sie spielt mit den gefühlen der männer. die einzige, mit der sie es schwer hat ist die mitbewohnerin, die das zimmer unter ihr hat: ‘… die ältliche Dame im Zimmer unter mir klapperte auf ihrer Schreibmaschine. Margret L. heißt die Dame, sie ist Kritikerin, ich hab ihren Namen schon öfter gelesen. Sie zerreißt mit Genuß junge Dichter, wahrscheinlich hat sie auch mal versucht, Gedichte zu schreiben solche Leute sind gemeingefährlich.’
diese vermutung kommt mir bekannt vor. erst vor kurzem hat ein von der kritik schwerverletzter romanschreiber bemerkt: die probleme der literaturkritiker, lägen in ihnen selbst. deshalb würden sie ihre vernichtunsarbeit so genießen. ob ein literaturkritiker wirklich selbst ein guter literarischer schreiber sein muss, um kompetenz zu beweisen und die arbeit anderer autoren beurteilen zu können?
Das Typoskript zu den ‘zwei unvollendeten Romanen’ der bekannten DDR-Schrifstellerin Brigitte Reimann (bekanntester Roman ‘Franziska Linkerhand’ )wurde vor zwei Jahren erstmals im Aufbau Verlag veröffentlicht..
19. Juli 2007 um 13:02
Hallo,
auch ein interessantes Thema. Ich bin noch nie ´verrissen´ worden, weil ich noch nie veröffent-
licht oder vorgelegt habe. Ich denke, dass ein
bösartiger Verriss eigener ´Werke´ schon zu sicher oftmals unbewussten Heimzahlungsgefühlen
führen kann. Ich bin vor allem der Meinung, dass
Kritik immer klar, sachlich und vor allem konstruktiv sein sollte. Nur so ist sie wirklich hilfreich. Und das soll sie doch sein ?
hzl
dim
26. Juli 2007 um 19:14
Ja, man kann sich dadurch vor einem Verriß “drücken”, indem man gar nicht erst veröffentlicht, das ist wahr.
Ein Verriß ist immer furchtbar, und er ist immer ungerecht – aus der Sicht des Verrissenen. Und oftmals tatsächlich.
Wir alle wissen, daß es große Erfolge in der Literatur und auch in anderen Bereichen gibt, die zuerst nur verrissen wurden. Wir wissen, daß es Bestseller gibt, die zu Anfang niemand haben wollte, die x-mal abgelehnt worden sind. Bestes Beispiel Harry Potter. Wie viele Lektoren und Verlage schlagen da heute wohl immer noch verzweifelt mit dem Kopf gegen die Wand, weil sie dieses Buch nicht gemacht haben?
Aber vorbei ist vorbei. Das gilt für beide Seiten. Der Autor, der verrissen wird, muß sich schnellstens ans nächste Werk machen, und der Verlag, der Harry Potter nicht gemacht hat – nun ja, dem ist nicht zu helfen.
Und Kritiker, die selbst einmal schreiben wollten oder immer noch schreiben, keinen Erfolg hatten und das an jungen Autorinnen und Autoren auslassen – die gibt es mehr als genug.
Aber das heißt noch lange nicht, daß alles, was abgelehnt und verrissen wird, gut ist.
Manchmal ist es nicht nur Rache, manchmal hat der Kritiker einfach recht, und das Werk ist wirklich schlecht. Man muß sich auch einmal überlegen, wieviel Schrott so ein Kritiker oder Lektor (die sind ja in gewisser Weise auch Kritiker) jeden Tag lesen muß.
Da muß man sich erst einmal durch eine nicht vorhandene Rechtschreibung und Grammatik kämpfen, bevor man dann bei einem Inhalt ankommt, der nur aus Tagebuch”weisheiten” besteht.
Somit also durchaus Verständnis für die Kritiker und Kritikerinnen.
Die besten Kritiker sind in meinen Augen diejenigen, die Distanz zu ihrer Arbeit und auch zu sich selbst halten können. Die ein neues Werk, das ihnen vorgelegt wird, danach beurteilen können, was es wirklich ist, und nicht danach, ob sie es besser hätten machen können oder schon gemacht haben (ihrer Meinung nach) – und das ist eine äußerst rare Spezies. Denn es bedingt, daß man über den Dingen steht. Und welcher Mensch tut das schon?
Aber auf jeden Fall ist es eine große Herausforderung, etwas zu schreiben und in aller Öffentlichkeit zur Diskussion zu stellen. Es ist, als ob man nackt über eine Straße gehen würde, obwohl man Nacktheit haßt und sich am liebsten bedecken würde. Aber das kann man nicht, als Schriftsteller. Zumindest nicht als Schriftsteller, der veröffentlichen möchte, der gelesen werden möchte.
Und dann gibt es da ja auch immer noch die raren, sehr raren Lobeshymnen. Dafür lebt man.
Gruß,
eine Schriftstellerkollegin